Herr Sprenger, in einigen Wochen müssen sich Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser und fünf andere Manager vor Gericht verantworten, weil im Zuge der Übernahme durch Vodafone
sehr hohe Abfindungen gezahlt wurden. Die Angeklagten verweisen zur Rechtfertigung dieser Summen unter anderem auf die Entlohnungsverhältnisse in den USA. Zu Recht?
Reinhard K. Sprenger, geboren 1953, machte sich als Trainer und Autor international einen Namen. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören "Mythos Motivation" und "Das Prinzip Selbstverantwortung". Sprenger lebt in Essen und Santa Fe, USA.
Da offenbart sich ein naiver Universalismus im Denken, der einen wirklich staunen lässt. Was diese Manager immer wieder vergessen: Es kann alles noch so legal sein - wenn es nicht legitim ist, wird es über kurz oder lang zu einem Rohrkrepierer. Entweder wollen das die Betreffenden nicht verstehen oder sie können es nicht.
mm.de: Nun sind ja Esser et altera nicht die einzigen, die mit ihrem Verhalten Irritationen beim Beobachter ausgelöst haben. Immer wieder wird in der letzten Zeit das Verhalten von Führungskräften diskutiert, und oft geht es dabei um die Frage, ob in wichtigen Positionen nicht die falschen Leute sitzen. Nach Ansicht einiger Beobachter haben wir einen regelrechten Notstand in Sachen Führung. Warum ist das so?
Sprenger: Monokausal lässt sich das nicht beantworten, aber man kann verschiedene Faktoren addieren. Ein Punkt ist natürlich die persönliche Eitelkeit, der Kampf um Aufmerksamkeit. Hochgradig narzisstische Persönlichkeiten haben derzeit, so wie die Unternehmen gegenwärtig gebaut sind, eine große Karrierechance. Der zweite Punkt ist banaler. Er hat zu tun mit dem hysterischen Jahrzehnt der neunziger Jahre, als alles nur nach oben ging.
mm.de: Zu beobachten war das ja beispielsweise in den Vorstandsetagen der Unternehmen am Neuen Markt, der nach wenigen Jahren kläglich gescheitert ist ...
Sprenger: Richtig. Ein tiefer liegender Aspekt ist der Siegeszug der Systemtheorie, die ja lehrt, dass Organisationen sich wegen ihrer Komplexität den meisten Lenkungsversuchen entziehen. Weniger die konkreten Denkfiguren als der Sound der Systemtheorie hat dazu geführt, dass sich das Management von der Restgesellschaft heroisch abgekoppelt hat.
Aus dieser heroischen Abkopplung resultiert im Wesentlichen ihr Selbstbewusstsein. Das Denken dieser Leute sieht so aus: Wir leben hier in unserem Unternehmen eine Eigengesetzlichkeit, wir sind der Motor, wir sind was ganz Besonderes.
mm.de: Eigengesetzlichkeit in Verbindung mit Eigennutz?
Sprenger: Dass hinter dem Verhalten vieler Manager ganz einfache Profit-Interessen liegen, ist schon fast zu banal, man kann es aber auf diesen Punkt reduzieren. Konkret heißt das: Es sind zum Teil ganz einfach monetäre Vorteile, die Manager zu ihrem Handeln veranlassen.
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