Paula und Christian lernten sich in der Kantine eines großen süddeutschen Konzerns kennen, wo er Software entwickelte, und sie freiberuflich als PR-Beraterin an einem Projekt mithalf, um sich und ihre kleine Tochter aus erster Ehe zu ernähren. Und plötzlich brach die Liebe aus. Es dauerte nicht lang und die beiden fanden ein altes Haus am Stadtrand, wo Paula sich ein Büro einrichtete. Freiberuflich arbeiten kann man schließlich überall.
Ohne dass es ihr bewusst wurde, änderte sich Paulas Leben gewaltig. Früher hatte sie mehrere Stunden am Tag telefoniert und Konzepte entworfen, jetzt schien sie die Hausarbeit völlig in Anspruch zu nehmen. Sie tauschte die Kostümchen gegen weite Flanellhemden, pflegte den Garten und die Betten und begann hingebungsvoll zu kochen. Irgendwie schien es ihr nicht mehr zu gelingen, Aufträge an Land zu ziehen.
Trotzdem gaben ihr Christian und der Umzug aufs Land ein Gefühl der Sicherheit, das sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gekannt hatte. Sie baute ein gemütliches Nest und bekam ein zweites Kind. Sie beschrieb ihr neues Leben als "richtig" - in Wirklichkeit aber meinte sie wohl "bequem und sicher". Denn letztlich war ihr die Freiheit, die sie als alleinerziehende Karrierefrau hatte, immer ziemlich unheimlich gewesen. Ganz allmählich änderten sich ihre Erwartungen an Christian: Er war jetzt der Ernährer und sie erholte sich von den Jahren, in denen sie recht und schlecht versucht hatte, für sich selbst verantwortlich zu sein.
Ohne jedes Ritual fiel sie in die traditionelle Rolle zurück: Hausfrau und Mutter, eben diejenige, die den anderen den Rücken freihält, damit die ihre Träume leben können. Kurz, sie übernahm genau das, was sie noch vor wenigen Monaten selber als "Sklavenarbeit" bezeichnet hatte.
Und es machte ihr sogar Spaß, denn Sklavenarbeit ist so wunderbar sicher. Die kann man ohne diese Angst erledigen, die mit richtigem Geldverdienen einhergeht. Im Austausch für ihre Sklavenarbeit erwartete Paula von Christian natürlich sehr bald eine Gegenleistung, nämlich ökonomische Sicherheit.
Ihr Hausfrauentum war wie ein Schuldschein, den sie dem Liebsten jederzeit präsentieren konnte: Deinetwegen sitze ich hier! Unterschwellig allerdings spukte die Idee in ihrem Kopf, es sei normal, dass Christian härter arbeitet und größere Risiken auf sich nimmt, schließlich ist er ein Mann.
Natürlich hatte sie in ihrem früheren Leben Simone de Beauvoir gelesen und sich über Sätze wie diesen eher amüsiert: "Frauen akzeptieren die untergeordnete Rolle, um den Anstrengungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Gestaltung eines authentischen Lebens verbunden sind". Dass sie selber drauf und dran war, ein authentisches Leben gegen ein geliehenes zu tauschen, merkte sie jetzt aber gar nicht mehr.
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