12.04.2002
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Chat-Bericht

Die Schein-Elite

An deutschen Privathochschulen gibt es viel Licht, aber noch mehr Schatten. Was leisten die vermeintlichen Kaderschmieden wirklich? Antworten von Rolf Ernst Pfeiffer, Personalexperte bei Accenture.

lemmer1:

Warum sollte man auf eine private Universität gehen?

  "Eine staatliche Anerkennung ist eine Zertifizierung, die keine Garantie für Qualität darstellt."   Personalexperte Rolf Ernst Pfeiffer
Bert Bostelmann/argum

"Eine staatliche Anerkennung ist eine Zertifizierung, die keine Garantie für Qualität darstellt."
Personalexperte Rolf Ernst Pfeiffer

Pfeiffer: Weil es gewisse Lernerfahrungen gibt, die es woanders nur schwer zu finden gibt: Gruppenarbeit, gewisse Formen der internationalen Zusammenarbeit, Kontakte zu Firmen, ein zügiges Studium, relativ hohe Planbarkeit, ein gutes Netzwerk.

lemmer1: Kann man dieses nicht auch in kleinen Studiengängen bekommen?

Pfeiffer: Grundsätzlich ja, aber es sollte vorher nachgefragt werden, wie die Universitäten es damit halten. Dafür gibt es eine Studienberatung. Nutzen Sie die.

trinhl: Relativ hohe Planbarkeit? Können Sie das näher erläutern?

Pfeiffer: In der Regel bekommen Sie einen ziemlich genauen Plan, was in den zwei bis vier Jahren passieren soll, die Sie dort studieren. Viele alternative Gestaltungsmöglichkeiten – wie auch mal ein Praxissemester oder eine Weltreise – sind kaum möglich.

Stephan1: Auf welche Kriterien sollte man bei der Auswahl der Hochschule für ein BWL-Studium achten, wenn man sich dafür entscheidet an eine private Universität zu gehen?

Pfeiffer: Wie lange existiert die Schule bereits? Was sind die Schwerpunkte der Ausbildung? Wie international sind die Kurse? Woher kommen die Professoren? Welche Praxiskontakte gibt es? Wo sind die Absolventen gelandet? Wie ist das resultierende Netzwerk zu bewerten?

michael1: Hat man überhaupt Chancen, mit einem "Zweier"-Abitur auf eine der Privathochschulen zu kommen?

Pfeiffer: Selbstverständlich, es gibt viele Faktoren, die für die Aufnahme an einer Privathochschule wichtig sind.

michael1: Es kommt einem aber vor, als ob da nur die "Superhirne" hinkommen.

Pfeiffer: Das ist alles relativ, ich kann Ihnen versichern, die Superhirne (wie auch immer Sie das definieren) sind an der privaten Hochschule nicht in der Mehrheit.

AliBaba1: Sind die privaten Hochschulen ihrer Meinung nach die teuren Gebühren wert?

Pfeiffer: Grundsätzlich ja, wenn man weiß, was man damit erreichen will.

Stephan1: Wo sehen Sie die Nachteile eines Studiums an einer privaten Universität aus Unternehmens- und Studentensicht?

Pfeiffer: Aus Unternehmenssicht: Sehr individuell verschieden, für mich das aufgebaute hohe Anspruchsniveau, das nicht immer der Realität entspricht. Die Unmöglichkeit, verschiedene Fachrichtungen zu kombinieren und im Dialog mit anderen Denk- und Fachrichtungen zu reifen. Aus Studentensicht: Man weiß vom Tag Eins an relativ genau, was man machen wird. Das ist nicht für jeden erstrebenswert.

Stephan1: Bestätigt Ihre Erfahrung, dass an Privat-Unis vornehmlich Kinder wohlhabender Eltern studieren? Von der EBS hört man zum Beispiel immer wieder, dass es einen studentischen Cabrio-Fahrer-Verein gibt. Ist die Sorge begründet, dass man sich als "Normalo" kaum zurechtfinden wird?

Pfeiffer: Der Verein ist mir nicht bekannt (Wir würden ihn als Unternehmen auch nicht fördern.) Es ist sicher richtig, dass private Hochschulen keinen statistisch relevanten Querschnitt der Bevölkerung darstellen. Aber auch das ist für einen "Normalo" eine sehr bereichernde Lernerfahrung.

HD: Was halten Sie vom - staatlichen - Wirtschaftsingenieur als Alternative zu einem Ingenieurstudium und anschließens einen privaten MBA?

Pfeiffer: Gute Idee.

Robin2: Wie groß sind die Akzeptanzdifferenzen zwischen staatlich anerkannten Abschlüssen privater Hochschulen und staatlich (noch) nicht anerkannter Abschlüsse? Zum Beispiel Malente.

Pfeiffer: Der Wert ist sicher vorhanden, staatlich anerkannt zu sein. Eine staatliche Anerkennung ist eine Zertifizierung, die keine Garantie für Qualität darstellt. Aber ohne Zertifizierung ist es fraglich, was dahinter steckt, welche Absichten verfolgt werden, wer die Initiatoren sind, welche Qualität sie bieten.

michael1: Stimmt es, dass die Einstiegsgehälter der Leute, die an Privat-Unis studiert haben, deutlich höher sind?

Pfeiffer: Das hängt sehr stark von den Firmen ab, bei uns ist das nur sehr selten der Fall, weil sich die Einstiegsgehälter nach dem Aufgabengebiet richten, nicht nach der Hochschulart.

lemmer1: Gibt es einen Grund NICHT an einer privaten Uni zu studieren?

Pfeiffer: Selbstverständlich: Wer links und rechts schauen will, in anderen Themengebieten Interessen verfolgen will, der ist an einer Uni besser aufgehoben. Wer noch nicht genau weiß, was er studieren will, sollte eine Uni bevorzugen.

AliBaba1: MBA lieber in Deutschland oder gleich in den USA?

Pfeiffer: Wo wollen Sie später Ihr Netzwerk haben? In Europa oder in den USA. Hierin liegt die offensichtliche Antwort. Der Rest ist persönlicher Geschmack.

janotto1: Ein Freund von mir studiert an der EBS in Oestrich-Winkel. Der kommt freitags aus Frankreich zurück von einem dreimonatigen Praktikum und montags hat er wieder Vorlesung. Und das ganze jeden tag von 8 bis 18 Uhr. Wie soll man da "normal" bleiben?

Pfeiffer: Normal ist immer eine individuelle Frage! Fragen Sie vorher, was an der Uni/Schule geboten wird, damit Sie keine negativen Überraschungen erleben.

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