Was glauben Sie, wie viel Prozent der Führungskräfte heute noch auf Ihren Positionen sitzen würden, wenn sie ein AC gemacht hätten?
Experte Ernst Fay: Ich kann Ihnen beim besten Willen keine genaue Zahl nennen. Aber ich bin sicher, dass die Führungsetagen deutlich dünner besiedelt wären, als dies gegenwärtig der Fall ist.
ruthchen: Glauben Sie, dass die Qualität der Mitarbeiter durch ein AC besser ermittelt werden als über das "gute alte" Bewerbungsgespräch?
Experte Ernst Fay: Auf jeden Fall. Ein Ergebnis eines ACs ist eine aussagefähige Stärken-Schwächen-Analyse, auf deren Grundlage Personalentwicklung betrieben werden kann. Die Basis ist dabei breiter und sicherer als bei einem "bloßen" Interview.
Guest1: Was ist wichtig bei einem AC? Sollte ich Durchsetzungskraft hervorheben oder eher Teamfähigkeit oder beides?
Experte Ernst Fay: Wie im Leben: Alles zu seiner Zeit. Wenn es im Kino brennt, dann hat es keinen Sinn, teamfähig zu diskutieren, wie man am schnellsten raus kommt.
Guenspan: Wenn es im Kino brennt ... und Kinder dabei sind?
Experte Ernst Fay: Gerade dann geht es darum, dass einer durchsetzungsstark entscheidet und sagt wo's langgeht.
Guest1: Wie viele Firmen nutzen eigentlich einen AC für ihre Einstellungen? Sind das hauptsächlich Banken?
Experte Ernst Fay: Ich kann Ihnen keine Zahl nennen. Aber ich bin sicher, dass praktisch alle großen Firmen – und nicht nur die Banken – ACs nutzen.
Werner: Wählt ein AC nicht immer den gleichen Bewerbertyp aus?
Experte Ernst Fay: Nein, auf keinen Fall. Ein AC wählt den aus, der die gestellten Anforderungen am besten bewältigt. Und diese Anforderungen können extrem unterschiedlich sein.
polisch: Was halten Sie von dem Begriff Authentizität im Zusammenhang mit dem Bewerbungsgespräch?
Experte Ernst Fay: Sie sollten unbedingt dafür sorgen, dass Sie als die Person eingestellt werden, die Sie sind. Das bedeutet, dass Sie sich nicht verstellen. Es hilft weder Ihnen noch dem Unternehmen, wenn Sie als Person A eingestellt werden, in Wirklichkeit aber Person B sind.
Guenspan: Werden durch AC's keine "Einheits"-Menschen produziert?
Experte Ernst Fay: Zum einen produzieren ACs keine Menschen. Zum andern kenne ich Firmen, die durchaus unterschiedliche ACs veranstalten, je nach dem, welche Position zu besetzen ist. Also: ACs unterscheiden sich nicht nur von Unternehmen zu Unternehmen, auch innerhalb einer Firma werden unterschiedliche “Typen“ gesucht und gefunden.
Manfred: Wie groß ist eigentlich die Konkurrenz zwischen ACs und so genannten Head Huntern, die ja auch sehr gezielt Personal suchen und Qualifikationen abklopfen?
Experte Ernst Fay: Die ACs, über die wir hier sprechen - ACs für Externe, vor allem Hochschulabsolventen - haben bei Headhuntern keine Konkurrenz. Headhunter greifen in aller Regel erst bei Positionen ein, die hierarchisch deutlich über dem Einstieg ins Berufsleben liegen.
zorro: Mich nervt, dass nur Uni-Streber zum Test eingeladen werden. Quereinsteiger mit Schlüsselqualifikationen haben so keine Chance!
Experte Ernst Fay: Das kann ich aus meiner Erfahrung so nicht bestätigen. Die Uni-Noten verlieren meines Erachtens sogar an Gewicht bei der Vorauswahl.
Energy: Werden für die Zukunft die ACs immer länger ausfallen?
Experte Ernst Fay: Nein. Wir machen eher gegenteilige Erfahrungen. Die Unternehmen drängen darauf, die ACs eher zu verkürzen. Wogegen wir uns wehren.
mm: Man hört oft, dass Bewerber in einem AC gezielt provoziert würden; was ist dran an dieser Behauptung?
Experte Ernst Fay: Ich befürchte, dass es Verfahren gibt, in denen "unter der Gürtellinie" provoziert wird. Die einzig sinnvolle Provokation ist nach unserer AC-Philosophie die Provokation von Leistung.
mm: Gibt es eine Grenze, an der die Bewerber sagen sollten: Bis hier her und nicht weiter! Auf Wiedersehen.
Experte Ernst Fay: Hier der Ratschlag: Gehen Sie davon aus, dass man nach dem AC im Beruf so mit Ihnen umgehen wird, wie man im AC mit Ihnen umgegangen ist. Das AC ist Ausdruck der Unternehmenskultur.
zorro: Selbst bei mehrtägigen ACs spielt die Tagesform eine wichtige Rolle. Wie steuern sie dagegen?
Experte Ernst Fay: Wir steuern nicht dagegen. Wenn Oliver Kahn im Tor von Bayern München einen schlechten Tag hat, dann ist das eben so, und das Spiel wird nicht wiederholt, weil der Keeper einen schlechten Tag hatte. Sie werden für eine Position ausgewählt, auf der man einfach keine schlechten Tage haben sollte. Niemand stellt gern Leute ein, die dann, wenn es darauf ankommt, "einen schlechten Tag“ haben.
Werner: Und wenn der AC-Prüfer einen schlechten Tag hat?
Experte Ernst Fay: Eine hübsche Nachfrage. Dann hat er gegebenenfalls für sein Unternehmen einen Falschen eingekauft. Oder einen Richtigen nicht erkannt. Allerdings hat man hier vorgebaut: Ein Beobachter mit einem schlechten Tag reicht für Fehlentscheidungen nicht aus, da es ja immer mehrere Beobachter sind, die gemeinsam entscheiden.
selfinsurance: Wird das AC bei der Bewertung und gegebenefalls Auswahl eines Bewerbers stärker gewichtet als seine Zeugnisse? Experte Ernst Fay: Das Zeugnis ist ein Mittel zur Vorauswahl. Wenn Sie erst einmal in dem AC drin sind, dann spielen Noten keinerlei Rolle mehr.
Psychologe und AC-Spezialist Ernst Fay mit Erfolgstipps für den Sprung über die Einstiegshürde.
© manager magazin Online 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH