Mittwoch, 28. Juni 2017

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Die Bilanz, an der selbst Analysten verzweifeln Das 250-Millionen-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard

Der Kopf hinter Wirecard: Vorstandschef Markus Braun

manager-magazin.de hat in der Bilanz des gefeierten TecDax-Riesen Wirecard eine ebenso große wie ominöse Forderungsposition entdeckt. "Alles marktbekannt", wiegelt der milliardenschwere Zahlungsdienstleister ab. Aber das stimmt so nicht.

Ein Tunnel funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Auf der einen Seite geht es hinein. Und auf der anderen wieder hinaus. Es mag längere und kürzere Tunnel geben, einspurige und mehrspurige, solche, in denen der Verkehr problemlos fließt, und solche, in denen er sich immer wieder staut. Und doch - das Prinzip bleibt immer das gleiche: Auf der einen Seite geht es hinein. Und auf der anderen wieder hinaus.

Bislang musste man annehmen, auch die Bilanz des bayerischen Zahlungsdienstleisters Wirecard würde wie ein Tunnel funktionieren. Nun aber zeigen Recherchen von manager-magazin.de: Das tun sie gar nicht.

Wirecard Börsen-Chart zeigen ist jene sagenumwobene Firma, die es in den zurückliegenden Jahren aus dem Nichts heraus auf eine Marktkapitalisierung von fünfeinhalb Milliarden Euro gebracht hat - und die damit an der Börse ähnlich hoch gehandelt wird wie die Lufthansa. Gemessen an der Bewertung ist Wirecard die hinter Zalando erfolgreichste deutsche Gründerstory der vergangenen 25 Jahre. Setzt das Unternehmen seinen Wachstumskurs auch nur einigermaßen fort, ist der Aufstieg in den Dax Börsen-Chart zeigen nur eine Frage der Zeit.

Die 1999 gegründete Firma hat sich auf ein Geschäft spezialisiert, das zwar vom Endkunden lebt, das der Endkunde aber nicht sieht - das sogenannte Acquiring. Ein Acquirer ist ein Zahlungsdienstleister, der bei Kreditkartentransaktionen zwischen die Kartenfirma auf der einen und den Einzelhändler auf der anderen Seite tritt. Das bedeutet konkret: Bezahlt ein Kunde per Kreditkarte, dann fließt das Geld von Visa oder Mastercard nicht direkt zum Händler, sondern geht zunächst einmal an den Acquirer. Erst mit zeitlichem Verzug leitet der das Geld dann an den Einzelhändler weiter.

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Bilanziell gesehen hat dieses Geschäftsmodell folgende Implikationen: Beim Acquirer bilden sich Forderungen gegenüber den Kreditkartenfirmen und Verbindlichkeiten gegenüber den Händlern. Wird der Zahlungsfluss in Gang gebracht, verwandeln sich die Forderungen in Cash, das zunächst hineinrinnt in die Bücher des Acquirers, irgendwann aber auch wieder hinaus - womit sich nach den Forderungen auch die Verbindlichkeiten wieder auflösen. Im Rechnungswesen spricht man von "durchlaufenden Posten". Es ist dasselbe Prinzip wie beim Auto, das in den Tunnel hineinfährt und wieder heraus.

Wie sieht das Ganze nun bei Wirecard aus? Laut Konzernbericht hatte Wirecard Ende 2015 "Forderungen aus dem Acquiringbereich" in Höhe von 334 Millionen Euro - und "Verbindlichkeiten aus dem Acquiringbereich" in Höhe von ebenfalls 334 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor stellte sich die Sache ähnlich dar. Da waren es Forderungen von 284 Millionen Euro - und Verbindlichkeiten von 283 Millionen Euro.

Angesichts der jeweils nahezu identischen Beträge sollte auf der Hand liegen, dass die beiden Positionen in direktem Bezug zueinander stehen - dass also die "Forderungen aus dem Acquiringbereich" grosso modo für das Geld stehen, das Wirecard von den Kreditkartenfirmen bekommt, und die "Verbindlichkeiten aus dem Acquiringbereich" für das Geld, das Wirecard an die Händler ausbezahlt. Zumal Wirecard explizit betont, sowohl die Forderungen als auch die Verbindlichkeiten hätten "durchlaufenden Charakter".

Doch tatsächlich liegen die Dinge völlig anders.

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