Sonntag, 20. Mai 2018

Finanzberichterstattung in der digitalen Welt Was ist ein Geschäftsbericht noch wert?

Viel Papier, doch was leisten Geschäftsberichte wirklich noch?
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Viel Papier, doch was leisten Geschäftsberichte wirklich noch?

Es ist wieder soweit: In diesen Tagen wird ein Geschäftsbericht nach dem anderen auf den Markt geworfen mit dem Anspruch, Licht ins Unternehmensinnere zu bringen. Oder zumindest den Anschein zu erwecken. Aber welchen Wert hat das klassische Informationsinstrument in Zeiten der Digitalisierung eigentlich noch für Investoren? Und wer bestimmt, was wichtig ist?

Die Digitalisierung verschiebt allerorten die Grenzen des Machbaren - auch in der Finanzberichterstattung. Für die Unternehmen resultieren hieraus nicht nur technologische und finanzielle, sondern auch kommunikations- und machtpolitische Herausforderungen. Mehr als je zuvor müssen sie sich darauf einstellen, die Entscheidungshoheit darüber, welche Informationen potentiell entscheidungsnützlich und wesentlich sind, mit ihren Adressaten zu teilen.

Henning Zülch
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    Michael Bader
    Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs "Investors' Darling", mit welchem die Qualität der Finanzkommunikation der 160 Unternehmen des HDax und SDax bewertet wird.

Der Einsatz moderner IT verkürzt offenkundig die durchschnittliche Zeit, die benötigt wird, um finanzielle Informationen zusammenzustellen, aufzubereiten und zu präsentieren. Entscheidend für die künftige Gestalt der Finanzberichterstattung ist indes nicht die Frage, wie schnell, sondern vor allem worüber Unternehmen berichten. Schon der Blick auf eine Auswahl der aktuell diskutierten Möglichkeiten verdeutlicht, wie umfassend dieser Wandel - potentiell - sein könnte. So werden im Bereich der prospektiven Berichterstattung Predicitive Analysis und ubiquitäres Computing dazu beitragen, die Genauigkeit von Prognosen etwa über den Zielkorridor von Erfolgskennzahlen oder die Eintrittswahrscheinlichkeit von Risiken zu verbessern. Dies erscheint grandios, vor allem für Analysten.

Zu viel oder zu wenig Information?

Die vielfältigen Möglichkeiten werfen aber auch die Frage neu auf, was beziehungsweise wie detailliert Unternehmen in Zukunft berichten sollten. Beobachtern der aktuellen Diskussion offenbart sich aktuell ein faszinierendes Paradoxon: die Gleichzeitigkeit von befürchteter Überforderung und gestiegenen Erwartungen. So wird von Berichtserstellern und Standardsettern vor allem die Gefahr eines Information Overload artikuliert. Der Begriff bezeichnet eine Situation, in der die schiere Menge der bereitgestellten Informationen die Analysekapazitäten der Adressaten überschreitet, sodass jede weitere Erhöhung dazu führt, dass wichtige Informationen von diesen nicht mehr verarbeitet werden können. Zusätzliche Angaben tragen in einem solchen Szenario also nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung der Nützlichkeit von Finanzberichterstattung bei. An der Spitze dieser Bewegung stehen zahlreiche Münchner Konzerne um Siemens Börsen-Chart zeigen, die ihren Geschäftsberichten einen regelrechten Kahlschlag verpasst haben.

Bedeutende Interessenvertreter auf Adressatenseite halten dem entgegen, dass der Information Overload zwar einen Teil, keinesfalls aber die gesamte Problematik beschreibe. Die zunehmend komplexeren Rahmenbedingungen erforderten geradezu ein Mehr an Berichterstattung. Weniger das vermeintliche Übermaß der Informationen sei das Problem, sondern vielmehr deren mangelhafte Aufbereitung. So stünden etwa Angaben zum Geschäftsmodell, der Strategie sowie den sich hieraus ergebenden Chancen und Risiken weitgehend für sich und würden wenig miteinander verknüpft; entscheidende Zusammenhänge blieben offen, sodass sich aus den Berichten keine Gesamtaussage oder Story herauslesen lasse. Dieser Sichtweise zufolge ist der inhaltliche Kahlschlag in einigen Geschäftsberichten eher eine Mogelpackung: Man reduziert die Informationsmenge auf Kosten der Informationsqualität. Relevante Inhalte und Fakten werden einfach weggelassen.

Wer hat die Deutungshoheit?

Die Möglichkeit der computergestützten Auswertung erhöht zweifellos die Analysekapazität der Adressaten. Die Drohkulisse eines gegenwärtigen oder künftigen Information Overload wird dadurch relativiert. Es liegt nahe, dass durch das Potenzial, das digitale Analysemethoden bieten, langfristig auch eine neue Erwartungshaltung gegenüber den Unternehmen erwachsen wird, eine umfassendere, detailliertere und zusammenhängendere Berichterstattung bereitzustellen.

Vor den Unternehmen liegt eine kommunikations-, wenn nicht gar eine machtpolitische Herausforderung: Es geht darum, wer letztlich darüber entscheidet, welche Informationen "entscheidungsnützlich" sind - die Ersteller oder die Adressaten eines Geschäftsberichts. Wer die Deutungshoheit darüber hat, bestimmt auch, wo die Grenze verläuft zwischen wesentlichen und somit offenzulegenden Angaben und dem unbedeutenden Rest. Für die Unternehmen bedeutet dies in Teilen einen Verlust der Verfügungsgewalt über ihre eigene Offenlegungspolitik.

Jedes Unternehmen wird sich auf diese neuen Bedingungen einstellen müssen. Bereits jetzt kristallisieren sich bei den Dax30-Konzernen verschiedene Strategien heraus, die von einzelnen Unternehmen mal mehr, mal weniger konsequent verfolgt werden. Zugespitzt formuliert steht es ihnen offen, sich dem Kontrollverlust entgegenzustellen oder ihn zu akzeptieren. Eine Verweigerung läuft letztlich darauf hinaus, dass die verantwortlichen Kommunikationsabteilungen an ihrer gewohnten Rolle als Gatekeeper festhalten und eine tendenziell restriktive Informationspolitik verfolgen.

Wird der Kontrollverlust hingegen akzeptiert, ergibt sich hieraus die Notwendigkeit eines neuen Rollenbildes. Der Unternehmenskommunikation kommt dann eine primär moderierende Funktion zu, ihr Aufgabenschwerpunkt verlagert sich auf die Führung und Unterstützung des Berichtslesers, dem aus einer umfangreichen Daten- und Informationsmenge sein individuelles Infopaket zusammengestellt wird.

Wer sich nicht ändert, wird verändert

In der Realität werden viele Unternehmen eine Mischung beider Ansätze anwenden und je nach Situation dem einen oder dem anderen folgen. Dennoch lohnt es sich, die langfristigen Erfolgswahrscheinlichkeiten dieser beiden Pole gegeneinander abzuwägen. Der bisherige Verlauf und die zu beobachtende Geschwindigkeit des globalen Digitalisierungsprozesses deuten aktuell weder darauf hin, dass dieser sich in naher Zukunft umkehren, noch, dass er stagnieren wird. Es ist damit nur eine Frage der Zeit, bis Analysten und andere Adressaten der Geschäftsberichte den beschriebenen Druck auf die Unternehmen ausüben werden.

Die Vorboten dieser neuen Zeit zeigen sich bereits heute, etwa in den Kurseinbrüchen von Volkswagen Börsen-Chart zeigen in Folge der Diesel-Affäre, die nicht nur eine Reaktion auf die möglichen juristischen Folgen der Manipulation von Abgaswerten waren, sondern auch auf die Politik der Intransparenz. Der digitale Wandel und seine Konsequenzen werden somit zunehmend sichtbar. Die globalen Kapitalmärkte werden den Unternehmen, welche die neuen Anforderungen an eine gelungene Kommunikation nicht antizipieren, die Entscheidung für oder gegen mehr Transparenz auf lange Sicht abnehmen und ihre "licence to operate" infrage stellen. Das Phänomen, das Veränderung letztlich niemals nach der Zustimmung der Betroffenen fragt, wurde bereits vom ehemaligen General-Electric-Chef Jack Welch auf eine einfache Formel gebracht: "Change before you have to." Nur so kann die Finanzberichterstattung das bleiben, was sie ist: die Visitenkarte des Unternehmens.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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