Dienstag, 25. Juli 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Donald Trumps Stimmungsmacher Wie wir mit Social Bots richtig umgehen

Getty Images

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, als Eliza das Licht der Welt erblickte - ein Computerprogramm, das einen menschlichen Psychotherapeuten simuliert. Ihr geistiger Vater, der Wissenschaftler und spätere kritische Technikphilosoph Josep Weizenbaum, begründete damit das Zeitalter der kommunizierenden Maschinen. Also das, was heute seine Fortschreibung in Siri und Co. gefunden hat - und bedauerlicherweise auch in der Wahlkampfarmee des Donald Trump.

Antje Neubauer
  • Copyright: Claudia Kempf
    Claudia Kempf
    Antje Neubauer ist als Vorstandsmitglied bei "Generation CEO", dem Business Netzwerk für Frauen im Top-Management, verantwortlich für den Bereich Kommunikation. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn - nach einem Studium der Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Psychologie - bei RWE Telliance, der Telekommunikationstochter des Essener Energiekonzerns. Heute ist sie Marketingchefin bei der Deutschen Bahn.

Bereits Eliza war in der Lage, Dialoge zu führen, Diskussionen zu gestalten und zu beeinflussen. Weizenbaums computerlinguistische Meisterleistung zog in den 1960er Jahren etliche Menschen in ihren Bann: Reihenweise erlagen sie dem vermeintlichen Charme der Maschine, sie erzählen, geben preis, entblößen sich. Für Weizenbaum eine bittere Erkenntnis: Wie kann es sein, fragte er sich, dass Menschen vergessen, dass sie mit einer Maschine kommunizieren? Und: Wie leicht sind Menschen auf diese Weise manipulierbar?

Bis zu 80 Millionen falsche Twitter-Profile

Weizenbaums Kritik an der Künstlichen Intelligenz ist heute aktueller denn je. Wissen wir doch spätestens seit dem Brexit und dem US-Wahlkampf, dass es inzwischen keiner Maschinen mehr, sondern lediglich eines Algorithmus bedarf, um Menschen erfolgreich zu manipulieren. Einmal programmiert simulieren sie in sozialen Netzwerken menschliche User. Sie erhalten ein eigenes Profil, eine kleine überschaubare Vita, generieren gezielt Freunde und Follower. Social Bots nennt man die kleinen programmierten Helfer von Politikern, Parteien oder Interessensgruppen, die auf diese Weise Meinung machen, sie verbreiten und beeinflussen. Zumindest lassen erste Studien genau das vermuten.

Einer der führenden Köpfe in der Untersuchung von Social Bots, Emilio Ferrara von der University of Southern California, kann belegen, dass im US-Präsidentschaftswahlkampf fast 20 Prozent aller Tweets durch unechte User, also automatisiert, verbreitet wurden - und die Wahl entscheidend beeinflusst haben. Das zumindest ist die Vermutung. Die Oxford-Universität hat festgestellt, dass es Social Bots waren, die Trump zum Sieger des ersten TV-Duells mit Hillary Clinton erklärten, obwohl die Medien ihn als klaren Verlierer ausgemacht hatten. Bis zur Wahl, so die Erkenntnis der Forscher, nahmen die automatischen Tweets zugunsten Trumps dermaßen zu, dass es schließlich fünf Mal so viele gab wie positive Bekenntnisse zu den Demokraten.

Auch das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) kommt zu dem Schluss, dass Social Bots in den sozialen Netzwerken sehr weit verbreitet sind. Allerdings: Wie viele es von ihnen tatsächlich gibt, weiß niemand. Experten schätzen, dass bis zu 35 Millionen Facebook-Accounts künstlichen Ursprungs sind, bei Twitter sollen sogar bis zu 80 Millionen Profile keinen menschlichen Urheber haben. Damit könnten allein auf dem Zwitscherkanal etwa 25 Prozent aller User programmierte Fake-Accounts sein. Meinungsmaschinen, die - entsprechend gesteuert - Wahlen und damit die Schicksal ganzer Länder entscheiden können. Nicht nur in den USA, sondern auch in den Niederlanden, Frankreich oder Deutschland - in allen drei Staaten wird in diesem Jahr gewählt.

Wir brauchen kein Good-Net

Kein Wunder, dass die Furcht vor den manipulativen Algorithmen wächst. Auch bei uns. Parteiübergreifend ist man sich einig, dass es gerade im Wahljahr fair zugehen soll - auch in den sozialen Medien; auf gesteuerte Meinungsmache wolle man verzichten. Ob ein solches Fairness-Abkommen je zustande kommt, werden die nächsten Wochen zeigen.

Die zögerliche Haltung, allen maschinellen Kommunikatoren zu entsagen, kommt nicht von ungefähr: Gibt es doch auch "gute" Bots, wie zum Beispiel Medien sie nutzen, um automatisiert eine aktuelle Story anzukündigen. Oder die Chat-Bots wie Siri und Co., die nützliche Sightseeing-Tipps geben oder einen guten Italiener empfehlen. Bots sind also nicht grundsätzlich schlecht, sie haben durchaus ihre Berechtigung und können, vernünftig eingesetzt, zu klugen Alltagshelfern werden.

Hinzu kommt: Gesicherte Erkenntnisse, wie manipulativ Bots à la Trump wirklich sind, gibt es bis dato nicht. Die TAB stellt nüchtern fest, dass bisher keine Studie einen Nachweis der Wirkungen und Effekte von Social Bots liefern konnte. Fakt ist: Bots werden immer raffinierter und überzeugender. Sie von realen Individuen zu unterscheiden, wird immer schwerer. Schon werden die ersten Forderungen nach einem "Good-Net" laut, einem virtuellen Raum, der gegen Bezahlung alle Vorteile des Internets für alle bietet, aber ohne dessen Nachteile leben muss. Bots hätten hier keine Chance, weil es keine Zugänge zu offenen Schnittstellen mehr gäbe, wie Facebook und Co. sie anbieten.

Mir gefällt dieser Ansatz nicht. Ich halte es für wenig sozial (und wenig zielführend), nur Menschen mit einem bestimmten Budget eine schöne, bereinigte Internet-Welt zu bieten. Zudem würde man die leicht Manipulierbaren, die sich auf jede Internetnachricht stürzen, ohne sie zu hinterfragen, auf diese Weise ohnehin nicht erreichen. Und genau auf sie käme es ja an. Es waren reale Menschen, die Donalds Trumps Wahlkampftiraden, man möchte fast sagen: Wahlkampfaggressionen, die vielfach durch Bots verstärkt in die Welt geblasen wurden, geliked, geteilt und kommentiert haben. Damit erlangten sie in kürzester Zeit eine Popularität, die man so nicht erwartet hat. Keine Prognose, kein Medium, kein Wissenschaftler hatte dem Verfechter von "Make America great again" ernsthaft einen Wahlsieg zugetraut. Und doch sitzt er heute im Weißen Haus.

Noch haben die europäischen Populisten Trumps "Niveau" nicht erreicht - weder bei ihren Anhängern noch bei den Bots. Wir, die Demokraten, Intellektuellen, Politiker, Philosophen und alle an den Humanismus glaubenden Menschen, müssen dafür sorgen, dass es so weit gar nicht erst kommt. Kommen wir den Manipulatoren zuvor. Werden wir doch offener, transparenter, anfassbarer. Lernen wir, Bots zu erkennen und zu entlarven. Trainieren wir unsere Social-Media-Teams so, dass sie argumentativ die Nase vorn haben. Zeigen wir, dass Empathie, Verständnis für die Position des anderen, dass Diskurs und eine andere Meinung zu einer Demokratie dazu gehören. Beweisen wir, dass unsere Gesellschaft erwachsen und klug genug ist, Fakten von Fakes zu unterscheiden. Und: Nehmen wir uns die Zeit, die wir brauchen, um die Dinge wieder ins richtige Lot, sprich: ein vernünftiges Miteinander, zu bringen.


Antje Neubauer ist Marketingchefin bei der Deutschen Bahn und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.


Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH