Sonntag, 29. Mai 2016

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Kreditech-Gründer Diemer wühlt die Branche auf Geld zurück bei Flugverspätungen - der irre Kampf der deutschen Rivalen

Titelgeschichte des manager magazins: Fluch des Fliegens - eine kleine Kulturgeschichte in 11 Bildern
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Eigentlich wollte Sebastian Diemer (29) nach seinem Abgang als Kreditech-CEO ein paar Monate ausspannen. Doch daraus wurde erst einmal nichts. Statt mit seinem Motocross-Bike über Staubpisten zu brettern, trat der umtriebige Hamburger Unternehmer Mitte Februar mit einer neuen Firma an den Markt: "Wirkaufendeinenflug.de" (wkdf) soll Passagiere auszahlen, die wegen Verspätungen oder Flugausfällen Ersatzansprüche gegen Airlines haben.

Das Projekt läuft alles andere als rund. Nun ist Ärger für Diemer an sich nichts Neues. Bei Kreditech, einer Plattform für hochverzinste Mikrokredite, brachte er mit seinem erratischen Führungsstil vor allem Mitarbeiter und Führungskräfte gegen sich auf, die dann das Unternehmen verließen. Mit der neuen Firma, die von Konstantin Loebner und Mehdi Afridi geführt wird, scheint er vom Start weg Kunden massiv zu verärgern. Von "leeren Versprechungen" und einer "kompletten Luftnummer" berichten Facebook-Nutzer, die sich als wkdf-Kunden ausgeben.

Im Markt für Fluggast-Entschädigungen, den nach Inkrafttreten der EU-Fluggastverordnung 2004 vor allem die Potsdamer Firma flightright aufgebaut hat, ist derzeit einiges los. Etliche Wettbewerber ringen mit dem neuen Kniff der "Sofortentschädigung" um Marktanteile. Dabei treten Fluggäste ihre Ansprüche (Langstrecke 600 Euro, Mittelstrecke 400 Euro, Kurzstrecke 250 Euro) an die Internetportale ab und sparen sich so den unerfreulich langen Rechtsweg. Die Startups zahlen die erwartete Entschädigung aus - mit einem saftigen Abschlag.

Auch Diemer und sein Kompagnon Loebner (23), der schon bei Kreditech mit ihm zusammen arbeitete, werben mit dem Versprechen, "innerhalb von 48 Stunden" eine Sofortentschädigung von "bis zu 400 Euro" auszuzahlen. "An die tausend Fälle" will Diemer in den vier Wochen des Bestehens von wkdf bereits angekauft und "ein paar Tausend" geprüft haben. Auf der Website loben glückliche Kunden wie "Caro W." "ihre Helden" von wkdf.

Bei näherem Hinsehen treten Ungereimtheiten auf. Die Werbefiguren "Stefan B." und "Caro W." sind offensichtlich erfunden - sie treten mit identischen Lobeshymnen und Fotos auf einer anderen Entschädigungs-Plattform auf, die nicht online gegangen ist, manager-magazin.de aber im Entwurf vorliegt. Etliche Facebook-Nutzer beklagen, Anfragen bei wkdf eingereicht und nichts gehört zu haben. Die Gründer entschuldigen das mit "chaotischen Anfangstagen", in denen es auch Probleme mit dem "Email-Provider" gegeben habe.

Der wahre Grund für die vielen Verzögerungen dürfte darin liegen, dass Diemer und Loebner nur auf einen Bruchteil ihrer potentiellen Kunden wirklich Wert legen. Kern des Geschäftsmodells ist es, möglichst nur "sichere Fälle" anzukaufen, wie Diemer im Gespräch erläutert. Fälle also, für die wkdf bei den Airlines umstandslos die Erstattungen erhält.

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