Dienstag, 19. Juni 2018

Papierloses Büro Start-up-Kampf um die Zettelwirtschaft

Digital ist besser: Die Konkurrenten von Doo und Smarchive
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Das papierlose Büro gilt als ewige Utopie. Die deutschen Start-ups Doo und Smarchive machen sich daran, das Gegenteil zu beweisen. Über die reine Dokumentenablage gehen die Gründer weit hinaus - und sind dabei die technische Speerspitze im Kampf um die digitale Zettelwirtschaft.

Hamburg - Es gibt auf dieser Welt eine Reihe technischer Verkündungen, deren Erfüllung in auffälligem Missverhältnis zu ihrer Erwähnung in Fernsehdokumentationen, Radiofeatures und Presseartikeln steht. Der Fusionsreaktor gehört dazu, ebenso wie das Wasserstoffauto, der Haushaltsroboter oder das Schnitzel in Form einer kleinen Pille.

Einen Stammplatz auf der Liste der technischen Utopien hat auch das papierlose Büro sicher. Mitte der Siebziger erstmals in englischsprachigen Fachartikeln erwähnt, seit Anfang der Achtziger in deutschen Büros erprobt, sind die Ergebnisse bis dato ernüchternd. IBM, Hewlett-Packard, Microsoft oder Adobe, sie alle scheiterten an dem ehrgeizigen Projekt. In Ihrem Standardwerk "The Myth of the Paperless Office" kamen der HP-Manager Abigail Sellen und der Microsoft-Praktiker Richard Harper auf dem Höhepunkt der New Economy gar zu dem Schluss, dass durch E-Mail und Co. der Papierverbrauch in den Büros dieser Welt um durchschnittlich 40 Prozent angestiegen ist.

Inzwischen werden die Hoffnungen vom Ende der Zettelwirtschaft indes von den Errungenschaften der Post-PC-Ära befeuert. Fast jeder verfügt heute über ein Smartphone oder Tablet mit hochauflösendem Display, mit denen sich digitale Dokumente leicht lesen lassen. Zudem steht beinahe überall ein schneller Internetzugang zur Übertragung solcher Daten zur Verfügung. Und selbst der Gesetzgeber hat mit E-Pass, digitalem Signaturgesetz und elektronischer Steuererklärung einen passenden rechtlichen Rahmen geschaffen.

Das Besondere diesmal: Es sind vor allem deutsche Gründer, die technisch an der Spitze der Anti-Papier-Bewegung stehen.

Papierloses Büro am Flipchart entworfen

"Als wir als Studenten mit unserer Idee gestartet sind, hieß es, das versuchen Firmen seit zwanzig Jahren - und sie haben es noch nie geschafft", sagt Steffen Reitz, Gründer und CEO des Münchner Start-ups Smarchive. "Weil wir so naiv waren, haben wir es trotzdem gemacht", sagt er. Und lächelt. Noch heute erinnert im Büro des Start-ups eine Flipchart-Tafel an die ersten Überlegungen des Gründertrios, zu dem neben Reitz auch Holger Teske und Fabian Stehle gehören.

Schon im Jahr 2010, die drei schrieben gerade an ihren Diplomarbeiten am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hatten sie sich die Papiertafel zugelegt. "Wir haben darauf dann eine Woche lang in der WG herumgemalt, uns Namen und Features überlegt", erinnert sich Reitz. Eine Art digitaler Aktenordner sollte es werden. Ein Ort, an dem Nutzer Rechnungen, Verträge und Policen nicht nur digital sammeln sollten. Auch automatisch sortiert sollten diese Daten sein, durchsuchbar und von einer intelligenten Software analysiert, so dass Nutzer beispielsweise automatisch auf auslaufende Handyverträge hingewiesen werden.

Nach sechs Wochen Planungen befragten die drei rund achtzig Passanten in der Karlsruher Fußgängerzone. Ein Drittel hatte Sicherheitsbedenken, zwei Drittel fanden die Idee interessant. Kurzum, der Entschluss es zu probieren war getroffen. Auch die Wahl des Firmensitzes überließen die Gründer nicht dem Zufall. "Wir wollten in eine Stadt mit Kraft, technologischer Intelligenz und Anspruch und der Substanz für ein Technologie-Start-up", sagt Reitz. München eben.

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