Sonntag, 11. Dezember 2016

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Musikstreaming Superstar Swift bedroht die Börsenpläne von Europas Vorzeige-Startup Spotify

Da geht es lang: Taylor Swift hat die Musikindustrie durchgerüttelt - bislang zu ihrem Vorteil. Der Popstar ist ein gern gesehener Gast in TV-Shows - wie hier bei einem Auftritt in New York Ende Oktober

Für die Musikindustrie gilt Streaming als Rettungsanker. Mehr als 50 Millionen Menschen nutzen den Anbieter Spotify bislang. Doch Superstars wie Taylor Swift durchkreuzen die Strategie. Europas Vorzeige-Startup droht zu scheitern.

Hamburg - Spotify konnte zwar 2013 ein deutliches Wachstum zum Vorjahr vorweisen, scheint von einem Gewinn aber nach wie vor weit entfernt zu sein. Das schwedische Unternehmen reichte am Dienstagabend in Luxemburg Zahlen ein. Aus der Bilanz geht hervor, dass Spotify den Umsatz zum Vorjahr von 430 Millionen Euro auf 740 Millionen Euro steigern konnte, unterm Strich vergrößerte Spotify aber auch die Verluste von 80 auf 93 Millionen Euro. Zahlen aus dem laufenden Geschäftsjahr sind bislang nicht bekannt.

Über Spotify können Nutzer Musik anhören, ohne die Titel auf die Festplatte oder das Smartphone herunterladen zu müssen. Allen voran junge Leute bevorzugen Streamingdienste. Der Besitz von Musik scheint ihnen nicht mehr wichtig zu sein. Künstler wie Superstar Taylor Swift kritisieren allerdings Angebote wie Spotify, weil ein Großteil der Nutzer die Musik kostenfrei anhört und nur vergleichsweise wenige Menschen für ein monatliches werbefreies Abonnement 10 Euro, Dollar oder Pfund bezahlen.

Künstler würden nicht ausreichend belohnt, so die Kritik. Anfang des Monats hatte die derzeit erfolgreichste Künstlerin Swift ihre Musik von Spotify entfernen lassen. Ihr neues Album hatte sie nur Plattformen bereitgestellt, für deren Nutzung man bezahlen muss. Binnen einer Woche verkaufte Swift 1,3 Millionen Alben, in diesem Zeitraum hatte das zuletzt Rapper Eminem 2002 geschafft.

Seit Jahren gilt Spotify als das Vorzeige-Startup aus Europa. Im Jahr 2008 in Schweden gegründet und schnell über die Landesgrenze hinaus bekannt geworden, konnte Gründer und Chef Daniel Ek viele renommierte Geldgeber aus den USA und Europa für sich gewinnen. Fast 540 Millionen Dollar Risikokapital stecken in dem Musikstreaming-Dienst.

Für Spotify führt der Weg entweder über die Börse oder aber die Geldgeber werden auf einen Verkauf drängen. Dass ein Superstar wie Taylor Swift das Geschäftsmodell kürzlich erneut so prominent auf die Probe stellte, das war für Spotify ein herber Rückschlag. Denn Spotify sah sich nicht nur selbst als Taktgeber der Musikindustrie, es wurde auch als solcher von ihr gefeiert.

Einnahmen aus Werbung vergleichsweise gering

Den jüngsten Schlagzeilen zufolge, heißt der Taktgeber nun aber anders: "Taylor Swift is the Music Industry", titelte "Businessweek" in der jüngsten Ausgabe. Und das "Time"-Magazin hob die Musikerin ebenfalls aufs Cover. Die Zeile: "The Power of Taylor Swift".

Die Spotify-Zahlen zeigen nun, dass Swift mit ihrer Kritik an Spotify nicht ganz Unrecht hat. Ohne zahlende Kunden wäre das Unternehmen auf absehbare Zeit nicht in der Lage, profitabel zu wirtschaften und Künstler zu bezahlen. Gerade einmal 68 Millionen Euro erlöste Spotify über Werbung, 2012 waren es 51 Millionen Euro. Ursprünglich wollte Spotify einmal einen reinen werbefinanzierten Dienst anbieten, was aber die Musiklabels nicht mittrugen. Nutzer sollten über strikte Bedingungen schneller an ein Abonnement herangeführt werden.

Vor ein paar Monaten hatte Spotify die Bedingungen allerdings gelockert. Das Kalkül: Je geringer die Hürden für Nutzer sind, desto schneller kommen neue dazu. Spotify musste das Wachstum erneut anheizen, denn wer neue Investoren anlocken will, sei es über die Börse oder einen Verkauf, der muss die Geschichte eines weiterhin wachsenden Unternehmens verkaufen. Ohne die Zustimmung der großen Musik-Labels wie Universal Music, Sony Music und Warner Music können diese Schritte nicht vollzogen worden sein. Denn sie sind an Spotify beteiligt und sie vergeben die Lizenzen.

Die neue Strategie hatte sich schnell auf die Nutzerzahlen ausgewirkt. Im April meldete Spotify noch 40 Millionen Nutzer, davon bezahlten 10 Millionen für das Angebot. Durch den Rückzug von Taylor Swift sah sich Spotify-Chef Ek gezwungen, erneut Zahlen zu nennen. So hätte der Streaming-Dienst nun 50 Millionen Nutzer, ein Wachstum von 20 Prozent. Auch die Zahl der Abonnenten stieg auf 12,5 Millionen, ein Plus von 25 Prozent.

Schlagkräftige Konkurrenz für Spotify naht

Dennoch dürfte der Druck auf Spotify weiter steigen. Selbst wenn die Zahlen für das laufende Jahr besser ausfallen würden, so steht das Unternehmen vor mehreren Herausforderungen. So wird Swifts Rückzug Nachahmer haben. Der Manager der erfolgreichen Sängerin Adele ließ bereits anklingen, dass die Britin auch ihr nächstes Album erst Monate nach der Veröffentlichung für Spotify freigeben wird. Ähnlich machten es bereits die britische Band Coldplay und die US-Band Black Keys. Auch Superstar Beyoncé hielt ihre Alben zurück.

Darüber hinaus werden zwei der größten Technologiekonzerne mit ihren Angeboten auch Abonnements anbieten. Google Börsen-Chart zeigen hat für die Video-Streamingtochter Youtube ein Abo-Service angekündigt. Nutzer können gegen ein Abonnement werbefrei Musik anhören. Youtube muss nur einen kleinen Teil seiner mehr als eine Milliarde Nutzer für ein Abonnement überzeugen, um für Spotify bereits gefährlich zu werden.

Auch von Apple Börsen-Chart zeigen wird erwartet, dass es in der ersten Jahreshälfte 2015 zusätzlich zum Download-Angebot auf iTunes über den Zukauf Beats ein Streaming-Modell anbietet. Eine entsprechende App soll künftig auf den Betriebssystemen der Apple-Geräte vorinstalliert sein. Für Spotify dürfte es also immer schwieriger werden, die Reichweite zu steigern.

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