Freitag, 24. Juni 2016

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Microsoft-Chef Nadella "Sie sind vielleicht smart, aber sie haben kein Einfühlungsvermögen"

Der Neue: Microsoft-Chef Satya Nadella stellte sich in Berlin den Fragen der Studenten der TU. "Der Nachwuchs ist für uns das Lebenselixier", sagte er

Es war eine simple Frage, die Satya Nadella vor 22 Jahren fast die Karriere bei Microsoft kostete. Mittlerweile ist er der Chef des weltweit größten Softwarekonzerns. Seine Erfahrungen teilte er nun mit Studenten in Berlin und gewährte sehr persönliche Einblicke.

Berlin - Als Microsoft-Chef Satya Nadella in Deutschland erstmals öffentlich auftreten sollte, war eigentlich eine Rede geplant. Chancen des Digitalen Wandels für die Gesellschaft, Wirtschaft und die Menschen, hieß der etwas sperrige Titel. Doch Microsoft Börsen-Chart zeigen hatte es sich anders überlegt. Nadella sollte von Studenten vorab eingereichte und von Microsoft vorab ausgewählte Fragen beantworten. Statt einer Rede, gab es nun ein Gespräch zwischen Nadella und Manfred Hauswirth, Professor an der TU Berlin, Chef von Fraunhofer Focus und Spezialist für offene Computer-Systeme.

Da wunderte es also nicht, dass die Fragen darum kreisten, wie man bei Microsoft Karriere machen könne und es nur am Rande um die strategischen Fragen des Unternehmens ging.

Neun Monate ist Nadella nun Chef des weltweit größten Softwareunternehmens. Insgesamt arbeitet der 47-Jährige bereits seit 22 Jahren dort. Nur kurz war er vor seiner Karriere bei Microsoft bei Sun Microsystems, ein mittlerweile zum IT-Konzern Oracle Börsen-Chart zeigen gehörender Softwarehersteller. Nadella muss nun den mittlerweile schwerfälligen, aber immer noch hochprofitablen Konzern wieder innovativer machen. Dass das eine große Herausforderung ist, wenn man lange Jahre fest in der Organisation verhaftet ist, das erzählte Nadella freimütig.

"Ich bin quasi bei Microsoft erwachsen geworden", sagte Nadella vor rund 1000 Studenten in der TU Berlin. Als er Chef wurde habe er bewusst die Position eines außenstehenden Beobachters annehmen müssen. Er habe dabei auch mit vielen jungen Leuten gesprochen und sich angehört, wie sie den technologischen Wandel erlebten, wie sie damit umgingen.

Dabei klang Nadella so, als werbe er direkt um den Nachwuchs im Hörsaal. Zweifelsohne nicht ohne Grund: Immerhin kommen jedes Jahr fünf Prozent der Belegschaft über die Universitäten oder das College zum Softwarekonzern. "Der Nachwuchs ist für uns das Lebenselixier", schmeichelte Nadella den Studenten. Der Wettbewerb um die besten Köpfe sei hart. Das sei aber bereits zu der Zeit so gewesen, als er noch Informatik studiert habe.

"Die Vorstellung, dass es Perfektion gibt, existiert nur in Büchern."

Ganz direkt ließen die Studenten Hauswirth nach Bewerbungstipps fragen. Dabei wurde Nadella persönlich. Als er vor 22 Jahren zum Bewerbungsgespräch von Microsoft kam, habe er über Stunden komplizierte Rechenaufgaben lösen müssen. Als er nach sieben Stunden endlich zum entscheidenden Gespräch vorgedrungen sei, habe er sich gerade hingesetzt als man ihm folgendes Szenario skizierte: Er sollte sich vorstellen, dass er auf einer Kreuzung stehe und vor ihm ein Kind hingefallen sei. Was würde er in dieser Situation machen? "Zwei Minuten habe ich darüber nachgedacht", sagte Nadella. Er war so in komplexen Denkstrukturen verhaftet, dass ihm nichts anderes einfiel als zu sagen, "ich würde die Notrufnummer 911 anrufen". Danach sei das Gespräch schon zu Ende gewesen.

"Als ich zu Tür rausgeführt wurde, habe ich gefragt, was ich falsch gemacht habe", erzählte Nadella weiter. "Sie sind vielleicht smart, aber sie haben kein Einfühlungsvermögen", wurde ihm bescheinigt. "Ich war so am Boden zerstört", sagte Nadella. Am Ende habe er dennoch den Job bekommen. "Denken sie also daran", sagte Nadella an die Studenten gewandt, "der IQ spielt eine wichtige Rolle, aber Empathie ist auch wichtig".

Die Studenten sollten sich auch von der Vorstellung frei machen, perfekt sein zu müssen. "Die Vorstellung, dass es Perfektion gibt, existiert nur in Büchern." Fehler würden passieren und sie gehörten zum Lernprozess. "Ich habe in meinem Leben sicherlich viele Fehler gemacht, aber es kommt immer darauf an, dass man auch dadurch lernt."

Scheinbar hält Nadella auch wenig von schnellen Arbeitgeberwechseln, was angesichts seiner eigenen beruflichen Laufbahn kaum verwundert. Berufsanfängern müsste bewusst sein, dass sie im Unternehmen einen langfristigen Einfluss hätten. Sie müssten Leidenschaft mitbringen, denn ansonsten sei der Job nur ein Job. Gerade in der IT-Industrie könnten Entwicklungen extrem lange dauern. So habe Microsoft bereits 1994 jemanden eingestellt, der an der Spracherkennung forscht, aber erst fünfzehn Jahre später sei mit der unternehmenseignen Videospielsteuerung Kinect der richtige Durchbruch gekommen.

Das "Internet der Dinge" und der persönliche Nutzen für Nadella

Ein wichtiges Zukunftsthema ist für Nadella das so genannte "Internet der Dinge", in Deutschland auch gerne als Industrie 4.0 bezeichnet. Dabei geht es um vernetzte Produkte, aus denen Unternehmen zusätzliche Wertschöpfung ableiten können. Das sei keineswegs nur Spielerei, betonte Nadella. Künftig werde es weniger darum gehen, Geräte zu verkaufen, als mehr darum, Dienstleistungen anzubieten.

Wie man das Thema am besten seinen Eltern nahe bringen könne, wollten die Studenten wissen. Wie man den Nutzen erklären könne? Auch an dieser Stelle griff Nadella auf ein persönliches Beispiel zurück. Sein 18-jähriger Sohn sei querschnittsgelähmt, erzählte Nadella. Es sei für ihn faszinierend, wie technologische Ausrüstung das Leben seines Sohnes erleichtert habe. "In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Prothetik so nachhaltig verbessert, dass er enorm an Lebensqualität gewonnen hat." Der technologische Fortschritt sei gerade im Gesundheitsbereich angesichts einer alternden Gesellschaft wichtig. Der praktische Nutzen würde und müsse sicherlich bei vielen vernetzten Produkten im Vordergrund stehen.

Den Studenten riet Nadella, öfter mal über den Tellerrand zu schauen. Es rücke manchmal die Perspektive zurecht. Er habe zum Beispiel immer viele Bücher gelesen. Mittlerweile lese er mehr Gedichte. Seine Aufmerksamkeitspanne habe sich verkürzt - ein ungewöhnliches Bekenntnis eines Managers.

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