Samstag, 1. Oktober 2016

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PR-Besuch des Facebook-Gründer Wie Facebook Mark Zuckerberg in Berlin inszeniert

Irgendwo zwischen Himmel und Erde: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, Zuckerberg, Springer-Chef Mathias Döpfner, Springer-Haupteignerin Friede Springer.

Er ist medienwirksam durchs Brandenburger Tor gejoggt. Bei Schnee, im T-Shirt und in kurzen Hosen. Er traf Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU), er holte sich an der Hand seiner Frau Priscilla beim Axel Springer Verlag ("Bild"; "BamS", WeltN24) einen Preis ab, erklärte - natürlich via Facebook -, was Facebook gerade in Berlin zeige und nun also diese Townhall-Veranstaltung in der Arena im Osten Berlins.

Diese Facebook-Townhalls sind eigentlich eine lockere Bühnenshow, bei der sich Zuckerberg Fragen seiner Nutzer stellt, die zuvor Facebook-Mitarbeiter für ihn ausgesiebt haben. Seine "Community", wie er zu sagen pflegt, kann die Fragen via Facebook-Kommentar

posten. Durch die regelmäßigen Bühnenshows wissen wir beispielsweise, warum Zuckerberg zur Arbeit immer graue T-Shirts, Jeans und Turnschuhe trägt - und dass er einen Kleiderschrank davon voll hat. Je nach Ort und Kontext suchen Zuckerbergs Mitarbeiter auch Fragen aus, mit denen ihr Chef Problem-Themen des Milliardenkonzerns befrieden kann.

In Deutschland gäbe es für den 31-Jährigen einen Katalog kritischer Fragen: Datenschutz, Steuern, Hasskommentare gegen Flüchtlinge beispielsweise. Das sind unangenehme Themen für jemanden, der doch eigentlich permanent nur das Signal aussenden will, wie toll Technologie ist. Im Allgemeinen und Speziellen. Seine Themen sind künstliche Intelligenz und Virtual Reality - und weniger Diskussionen über mangelnden menschlichen Verstand und die düstere reale Welt.

Seitdem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ihm allerdings bei einem Tischgespräch in New York in die Pflicht nahm, dem Problem der Hasskommentare gegen Flüchtlinge Herr zu werden, dürfte auch dem 31-Jährigen Facebook-Chef deutlich geworden sein, dass dieses Thema nicht so einfach in der Timeline verschwindet. Wird er in Berlin Position beziehen?

Ein Auftritt Zuckerbergs ist schärfer bewacht als manch einer der Kanzlerin. Passkontrolle, Dutzende breitschultrige Männer ganz in schwarz gekleidet, böse Blicke, Sicherheitsdetektoren, Abtasten, Taschenkontrolle, Taschenabgabe, Zuordnung auf den Sitzplatz. Der Mann hat nicht nur Freunde. ISIS und andere Irre posten Morddrohungen.

In der Arena in der Berlin sind indes nur mehr als 1000 geladene Gäste, darunter viele Studierende von acht deutschen Technischen Universitäten. Auch Chan-jo Jun hat es in den Saal geschafft. Der Rechtsanwalt für IT-Recht hatte gegen Zuckerberg und mehrere andere Facebook-Manager Strafanzeige wegen Beihilfe zur Volksverhetzung gestellt, weil das Netzwerk es abgelehnt hatte, rechtswidrige Inhalte zu löschen. Die Verfahren laufen.

Souverän geht Facebook nicht mit Juns Auftritt um. Er wird im Saal Schritt für Schritt von Netzwerk-Getreuen begleitet, Gespräche mit Journalisten werden ungeniert belauscht und wenn möglich geschickt unterbunden. Bevor Zuckerberg die Bühne betritt, platziert man in seiner Nähe noch zwei Aufpasser. Jun könnte ungefragt aufstehen und Fragen stellen. Das ist nicht gewünscht. Paradox für ein Unternehmen, das die Offenheit seiner Nutzer schätzt und sehr gewinnbringend nutzt.

Zuckerberg darf seine Meinung zum Thema Hasskommentare gegen Flüchtlinge gleich mit der zweiten Frage platzieren. So sieht es das Programm des Facebook-Teams vor. Ein wirklich bedeutendes Problem sei das, gibt er zu. "Hasskommentare haben keinen Platz bei Facebook", sagt er. Applaus im Publikum. "Und wir haben das bislang nicht gut genug gelöst". Zuckerberg weiß, was er zu sagen hat. Die Kanzlerin (Zuckerberg nennt Merkel Prime Minister), ihr Kanzleramtsminister, der Justizminister - sie alle drängen Facebook zum Handeln. "Wir haben die Nachricht klar und deutlich verstanden", räumt er ein.

Man sei nicht perfekt. 200 Leute würden in Berlin nun als rechtswidrig gemeldete Kommentare gegen Migranten lesen, bewerten und gegebenenfalls löschen. Über Wochen hatten sich Facebook-Mitarbeiter gewunden, diese Zahl zu nennen. Nun dürfte es der Chef höchstpersönlich machen. Bei hunderttausenden Posts dürfte das Team der Bertelsmann-Tochter Arvato schlaflose Nächte haben.

Zuckerberg darf danach die harmloseren, die bunten Fragen beantworten.

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