Sonntag, 21. Januar 2018

Neustart mit Brain Wie es beim einstigen Chaos-Fintech Kreditech weitergeht

Schüchterner Haargel-Fan: Alexander Graubner-Müller ist jetzt Chef von Kreditech

Bei Deutschlands größtem Finanz-Start-up Kreditech waren die Rollen klar verteilt: CEO Sebastian Diemer (30) gab den aggressiven Verkäufer, während Technikchef Alexander Graubner-Müller (29) im Hintergrund die Software tunte. Zwei Gründer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sich deshalb aber gut ergänzten.

Als Diemer nach diversen Krisen aus der eigenen Firma gedrängt wurde, stieg "das Brain", wie Mitarbeiter Graubner-Müller früher nannten, zum alleinigen Chef auf. Eine Aufgabe, die viele dem schüchternen Haargel-Liebhaber nicht zutrauten. Sie hofften auf Finanzchef René Griemens, der Kreditech immer öfter nach außen vertrat.

Rund anderthalb Jahre später ist klar: Der Nerd an der Spitze tat dem Start-up sehr gut, das Unternehmen ist seriöser geworden. Nach den Wirren der Anfangsjahre gibt es nun einen echten Plan, der den knapp 400 Mitarbeitern eine Perspektive bietet. Spätestens seit PayU, eine Tochter des südafrikanischen Medienkonzerns Naspers, Mitte Mai 110 Millionen Euro in Kreditech investiert hat, sind auch die ärgsten Zweifler beeindruckt. Die "Sturm-und-Drang-Phase" sei überstanden, freut sich ein früher Geldgeber. Naspers, das sich mit Beteiligungen am russischen Facebook-Investor mail.ru oder dem chinesischen Tencent (WeChat) einen Namen machte, ist nun größter Anteilseigner. Die Südafrikaner bewerteten das Kreditech mit mehr als 300 Millionen Euro.

PayU wickelt für Kunden wie Adidas oder Groupon Onlinezahlungen ab. Der Fokus liegt auf Märkten wie Indien und Brasilien - ein Terrain, auf dem sich Kreditech gut auskennt. Die Hamburger vergeben in Spanien, Polen oder Mexiko Kurzzeitdarlehen an Menschen, die sonst wohl auf Kredithaie angewiesen wären. Die Bonität wird auch via Facebook geprüft, das Geld sofort ausgezahlt. Das Geschäftsmodell dahinter, das auf teils horrenden Zinsen basiert, brachte den Gründern lange viel Kritik ein.

CEO Graubner-Müller will weg davon. Via Kreditech sollen Partner wie PayU ihren Kunden nun Ratenzahlungen oder Rechnungskäufe anbieten können. Bei einem Pilotprojekt in Polen lag der Durchschnittszins laut Graubner-Müller bei 12 Prozent, für dortige Verhältnisse ein solider Wert. Das Ausfallrisiko und die Abwicklung übernimmt Kreditech, das für die Kunden schlicht als alternative Bezahlmethode im Onlineshop erscheint. Das erinnert an das schwedische Klarna, das einen ähnlichen Service auch deutschen Kunden bietet. Dieses Modell wollen PayU und Kreditech nun sukzessive in weiteren Ländern ausrollen, wofür auch ein Teil der 110 Millionen Euro reserviert ist. Die nächste Station ist Indien.

Einige der frühen Geldgeber von Kreditech haben Naspers Finanzspritze indes genutzt, um auszusteigen. Der Rocket-Internet-Fonds Global Founders Capital (Oliver Samwer hatte das Investment dort lange persönlich betreut) vergoldete seine Beteiligung ebenso wie Investor Heiko Hubertz (40) und Ex-CEO Diemer. Auch Graubner-Müller reduzierte seinen Anteil.

Eine Parallele zu einem weiteren Investment der Südafrikaner: Beim Berliner Onlinelieferdienstvermittler Delivery Hero, in das Naspers zwei Tage später 387 Millionen Euro pumpte, standen sogar über 60 Millionen des Investments für exitwillige Mitinhaber bereit.

Ein Teil der deutschen Start-up-Szene schläft nun also deutlich entspannter.

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