Samstag, 21. Oktober 2017

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Verrücktes Bauprojekt in China Huawei kopiert Europa

Bauprojekt in China: Vom Heidelberger Schloss zur Sorbonne - es sind nur ein paar Meter
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DPA

Von Heidelberg nach Bologna sind es nur wenige hundert Meter. Die roten Wagen der Schweizerischen Bundesbahn bringen die Besucher von der deutschen in die italienische Universitätsstadt. Wer nach Karlsbad oder Luxemburg weiterreisen will, kann sitzenbleiben. In wenigen Minuten hat er auch diese historischen europäischen Städte erreicht.

Sind wir hier in einem dieser Miniaturlandschaften oder in einem Disneyland? Nein, weder noch. Wir sind auf einem der verrücktesten Bauprojekte auf diesem Planeten. Wir sind natürlich in China, im Perlflussdelta, das sich immer mehr zum chinesischen Gegenmodell des amerikanischen Silicon Valley entwickelt.

Hier am idyllischen Songshan-See in der Nähe von Dongguan - rund 50 Kilometer nördlich von Shenzhen - entsteht derzeit das neue Headquarter und Forschungszentrum der Smartphone Division des Technologiekonzerns Huawei. Es sind keine Glitzerbauten, die hier auf den grünen Wiesen, die eine Fläche von 120 Fußballfeldern haben, entstehen. Es sind historische Monumente aus zwölf europäischen Städten, die hier teilweise nachgebaut werden: die Pariser Sorbonne, die Universität von Oxford, Paläste aus Grenada und Verona - und das Heidelberger Schloss. Von oben sieht es aus, als ob Europa auf ein paar Quadratkilometer zusammengeschrumpft wäre.

Wolfgang Hirn

Die Kosten des Projekts betragen rund 1,5 Milliarden Dollar. Bereits im nächsten Jahr sollen rund 24 000 Mitarbeiter in diese Replika-Gebäude aus dem europäischer Mittelalter einziehen und Produkte für das 21. Jahrhundert entwickeln.

Verkehrte Welt: Während amerikanische High-Tech-Konzerne wie zum Beispiel Google mit seinem Googleplex futuristische Gebäude als Hauptverwaltungen hinstellen, macht der chinesische Technologieriese auf Retro. Ausgerechnet Huawei, der innovativste Konzern des Landes, der erst als Telekomausrüster zu Weltruhm gelang und nun mit seinen Smartphones Samsung Börsen-Chart zeigen und Apple Börsen-Chart zeigen anzugreift, wählt den Blick in die Vergangenheit und gerät zudem noch in den Verdacht des Kopierens - auch wenn es nur Gebäude sind. Manche Kritiker in China sehen deshalb Huaweis europäische Renaissance auf chinesischem Boden eher als imageschädigend und wenig kreativ.

Das Kopieren Europas ist en vogue

Aber das Kopieren Europas ist sehr en vogue. Viele neue Apartmenthäuser in China tragen Namen wie Downtown Abbey, Oriental Milan, Roman Sicily, aber auch Cappucccino oder Mocha. Am häufigsten sind freilich Namen, die einen Bezug zu Frankreich haben. Beliebt sind - warum auch immer - Jean Monet, Paul Cezanne und Victor Hugo. Nach diesen französischen Malern und Poeten sind die meisten Häuser und Wohnkomplexe in China genannt.

Verstehen wir diesen Namensexport einfach als eine Liebeserklärung an Europa und als Hommage an den europäischen Erfindergeist der vergangenen Jahrhunderte. Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde gespottet, dass angesichts Chinas unaufhaltsamen Aufstieg das stagnierende Europa zum Museum verkommt.

Aber nun sind die Chinesen schon wieder ein Schritt weiter: Sie bauen - siehe Huawei - auch die europäischen Museen schon selber.

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