Montag, 26. September 2016

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Hacker setzen Sony Pictures weiter zu Sony-Mitarbeiter kehren zurück zu Bleistift und Papier

Sicherheitsrisiko: Als der Film "The Interview" in Los Angeles Premiere hatte, bewachten Sicherheitsleute Schauspieler und Besucher. Die Premiere in New York wurde mittlerweile nach Anschlagsdrohungen abgesagt

Es mag eine Anekdote sein, aber die Rückkehr zu analogen Schreibutensilien und zur Faxmaschine zeigt, wie sehr Hacker Sony Pictures lähmen. Gleichzeitig wird dem Filmstudio mit Anschlägen gedroht. Eine Film-Premiere in New York wurde abgesagt

Hamburg - Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem modernen, digital affinen Unternehmen und plötzlich wird von Ihnen verlangt, nur noch über Festnetz, Papier und Fax zu kommunizieren. Den Rechner sollen Sie nicht anschalten, weil er möglicherweise von Schadsoftware belastet ist und die Festplatte zerstört werden könnte.

Ihre Chefs können Ihnen das natürlich nicht per Rund-Mail mitteilen. Sie haben genau das gleiche Problem. Außerdem werden deren einst vertraulichen Mails gerade zum Gespött der Weltöffentlichkeit - und jeden Tag werden neue Emails geleaked. Über einen Zettel im Aufzug werden Sie aufgefordert, sich vorerst nicht in ihren PC einzuloggen und auch nicht in das Firmen-Wifi. So ist es dem Film-Studio Sony Pictures wiederfahren, einem Unternehmen mit mehr als 7000 Mitarbeitern.

Seit zwei Wochen befindet sich das Unternehmen, eine Tochter des japanischen Konzerns Sony Börsen-Chart zeigen, im Ausnahmenzustand. Ende November griffen Hacker die Computersysteme von Sony Pictures an. Dabei war es ihnen in einem bislang beispiellosen Angriff gelungen, flächendeckend Datenbestände des Konzerns zu stehlen. Über Tage war der IT-Betrieb des Unternehmens lahm gelegt.

Die Daten laden die Hacker seither auf öffentlich zugängliche Plattformen hoch, so dass sie theoretisch jeder einsehen kann. Es sind sensible Gesundheitsdaten der Mitarbeiter, E-Mails des Managements, noch nicht veröffentlichte Filme, Drehbücher, Filmbudgets oder Gehaltsdaten von Hollywood-Stars. Die meiste Aufmerksamkeit erhielt bislang der Email-Verkehr zwischen der Sony-Pictures-Co-Chefin Amy Pascal und Scott Rudin, einem Produzenten, der für seinen scharfen Ton bekannt ist.

Die Hacker plünderten die wichtigsten Geschäftsdaten, die niemand mit der Konkurrenz und schon gar nicht mit der gesamten Öffentlichkeit teilen will. Bereits jetzt gehen Experten davon aus, dass sich der Schaden für Sony Pictures auf einen dreistelligen Millionen Dollar-Betrag beziffern wird, von mehr als 100 Millionen Dollar ist derzeit die Rede. Am Dienstag reichten zwei ehemalige Mitarbeiter in Kalifornien eine Sammelklage gegen das Unternehmen ein.

Sie werfen dem Unternehmen vor, es habe aktuelle und ehemalige Mitarbeiter nicht davor bewahrt, dass nahezu 50.000 Sozialversicherungsnummern, Gehaltsdaten und andere persönliche Informationen gestohlen werden konnten. Seit Jahren hätte Sony Pictures gewusst, dass die Computersysteme nicht ausreichend geschützt seien, heißt es in der Klageschrift.

Kaum war die Nachricht der neuen Klage publik, tickerte die nächste Hiobsbotschaft über das Filmstudio über die Nachrichten-Agenturen. Wenn alles bislang für das Filmstudio nicht schon schlimm genug war, dann sollte es nun um Menschenleben gehen. Die Hacker drohen mit Anschlägen auf Kinos, die Sonys neuesten Film "The Interview" zeigen. "Erinnert Euch an den 11. September 2001", teilten die Hacker der Firma am Dienstag mit. "Wir empfehlen Ihnen, sich zu dieser Zeit von diesen Orten fernzuhalten. Wenn Sie in der Nähe wohnen, sollten Sie diese Häuser besser verlassen", hieß es weiter.

Gruppe "Guardian of Peace" will Film verhindern

Es soll sich immer noch um die gleiche Hackergruppe namens "Guardian of Peace" handeln, die Sony bereits zuvor erpresst hatte. Auslöser des Angriffs war die Komödie "The Interview", in der Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un durch ein Mordkomplott des US-Geheimdienstes CIA umgebracht wird. In den USA halten sich hartnäckig Vermutungen, dass Nordkorea hinter dem Hackerangriff stecken könnte. Die Bundespolizei FBI ziehe Sicherheitskreisen auch noch andere Verdächtige in Betracht.

Sony hat den Kinobetreibern mittlerweile frei gestellt, ob sie den Film zeigen wollen. Die Hauptdarsteller James Franco und Seth Rogen sollen US-Medien zufolge bereits alle Werbeveranstaltungen für den Film abgesagt haben. Die Premiere in New York wurde bereits abgesagt. Die Filmindustrie geht mittlerweile davon aus, dass sich die Drohungen auf die Besucherzahlen auswirken werden, denn dem einen oder anderen Amerikaner wird dabei auch der Amoklauf in einem Kino in trauriger Erinnerung sein. Im Juli 2012 hatte ein Mann bei einer Premiere des Batman-Films "The Dark Knight Rises" in Colorado zwölf Menschen erschossen und 70 weitere verwundet.

Das Heimatschutzministerium hat derzeit zwar keine "belastbaren Hinweise", dass etwas passieren wird, dennoch ist die gesamte Filmindustrie besorgt. Der für gewöhnlich gut unterrichteten Techwebsite "Recode" zufolge versuchen rivalisierende Filmstudios im Hintergrund Druck auf Kinobetreiber auszuüben, damit sie "The Interview" nicht zeigen. Es ist Award-Season in Hollywood und die wichtigsten und stärksten Filme kommen nun ins Kino. In der Zeit zwischen Mitte November und Neujahr werden Experten zufolge 20 Prozent der Kinoumsätze generiert.

Hacker drohen: Neue Leaks Anfang eines "Weihnachtsgeschenks"

Für Sony dürften die schlechten Nachrichten also nicht abreißen. Dafür sorgen die Hacker ohnehin. Am Dienstag veröffentlichen sie weitere fast 32 000 Emails, darunter viele von Sony Pictures Entertainment-Chef Micheal Lynton. Es sei der Anfang eines "Weihnachtsgeschenks", wie die Hacker zynisch mitteilten.

Die Emails enthalten Diskussionen über Filmbesetzungen, die Kosten bald veröffentlichter Filme und Sonys Pläne, wann und welche Filme das Unternehmen bis 2018 veröffentlichen will. Darüber hinaus sind finanzielle Vereinbarungen mit Apples iTunes und den Musikstreaming-Diensten Spotify und Pandora veröffentlicht worden. Informationen über neue elektronische Geräte wurden ebenfalls geleaked.

Für Wettbewerber dürfte auch die Information interessant gewesen sein, dass Lionsgate Entertainment, das Filmstudio hinter der erfolgreichen Kino-Reihe "Tribute von Panem", Sony Pictures im Sommer für Fusionsgespräche aufsuchte. Sony sollen einen Zusammenschluss abgelehnt haben.

Warum Snapchat-Gründer Milliardenangebot von Facebook ablehnte

Mittlerweile werden auch Interna bekannt, die nicht nur die Filmindustrie betreffen. So geht aus den Emails von Lynton hervor, warum Snapchat ein mehr als drei Milliarden Dollar schweres Übernahmeangebot von Facebook Börsen-Chart zeigen anlehnte. Der Sony-Pictures-Entertainment-Chef sitzt im Verwaltungsrat von Snapchat und nutzte seinen Firmenaccount für Emails über Snapchat.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte Ende 2013 den Kommunikationsdienst umworben. Allein der Gründer und Chef, der mittlerweile 24-Jährige Evan Spiegel, hätte bei einer Übernahme eine Milliarde Dollar kassiert.

Spiegel war die Kauf-Summe zu niedrig. Zuckerberg war verärgert, dass das Angebot an die Medien gelangte. Er verdächtigte Snapchat, das Angebot Facebooks auszunutzen, um den Wert Snapchats in Verhandlungen mit Investoren über eine neue Finanzierungsrunde für Snapchat in die Höhe treiben zu wollen. Das ist eine durchaus nicht unübliche Weise, wie Startups ihre Preise im Kampf um Investoren nach oben treiben.

Snapchat ist vor allem bei jungen Leuten beliebt. Über eine Smartphone-App können Nutzer Bilder und Videos verschicken, die nach wenigen Sekunden wieder gelöscht werden. Die Posts haben also anders als auf Facebook ein Verfallsdatum. Das Startup wurde im September 2011 gegründet und zählte im August mehr als 100 Millionen Nutzer.

Die nun veröffentlichten gehackten Emails zeigen auch, wie sehr etablierte Manager über den jungen Gründer Spiegel ins Schwärmen geraten. Eine weitergeleitete Email an Lynton, in der Spiegel über Finanzierungsrunden und über den allgemeinen Zustand der Wirtschaft dozierte, kommentierte der Sony-Manager so: "Ich hätte das mit 23 Jahren nicht schreiben können. Sehr beeindruckend". Auch Twitter-Chef Dick Costolo ist von dem jungen Gründer fasziniert. "Ich denke, dass er derzeit einer besten Produkt-Entwickler ist", schrieb Costolo.

Für Sony Pictures ist in diesem Zusammenhang nur eines tröstlich. Kompromittierende Emails wie es sie über Hollywood-Stars gab , sind dieses Mal nicht bekannt geworden.

Mit Agenturen

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