Sonntag, 4. Dezember 2016

Anarcho-Ikone wechselt zu Google-Netzwerk Was hat Google+ mit dem 4Chan-Gründer vor?

Christopher "moot" Poole: 2003 hat er 4chan gegründet
SPIEGEL ONLINE
Christopher "moot" Poole: 2003 hat er 4chan gegründet

4chan ist das berüchtigtste Anarcho-Forum des Internets, Google+ der klinisch saubere Entwurf des Suchmaschinenkonzerns für ein Social Network. Nun heuert Google+ den 4Chan-Gründer Chris Poole an.

Diese Personalie hat eine gewisse Ironie. Chris Poole, auch bekannt als moot, Gründer des berüchtigten Webforums 4chan, geht zu Google. Genauer gesagt: vermutlich zu Google+, dem, sagen wir mal, mäßig erfolgreichen sozialen Netzwerk des Suchmaschinenkonzerns. Ironisch ist das deshalb, weil Google+ so ziemlich das exakte Gegenteil von 4chan ist: Hier Klarnamen, klares Design, ernsthafte IT-Profis, die ernsthafte Debatten führen. Dort das dunkle Herz des Internets, voller Hass, Ekel, Aggression und abseitigem Humor, voller ganz und gar nicht jugendfreier Inhalte - und vor allem ein Hort der Anonymität.

Die Netzguerilla Anonymous ist in 4chan entstanden. Sie heißt so, weil Anonymous der Standardname für all jene ist, die in dem Bilderforum posten, ohne sich einen Spitznamen zuzulegen. Anonymität und mangelnde Haftbarkeit sind die Basis all dessen, wofür 4chan steht.

Google+ dagegen trat von Anfang an mit dem Ziel an, die Anonymität im Netz zurückzudrängen. Die Tatsache, dass die Plattform zu Beginn eine Klarnamenpflicht einführte, sorgte für viele Debatten. 2014 schaffte Google diese Pflicht wieder ab. Mittlerweile aber versucht auch Facebook seine Nutzer dazu zu zwingen, sich mit ihrem echten Namen anzumelden - was gelegentlich zu kuriosen Situationen führt.

Dass Poole tatsächlich zu Google+ geht, liegt deshalb nahe, weil seine Einstellung von Brad Horowitz bestätigt wurde, der bei Google für das hauseigene soziale Netzwerk zuständig ist.

Poole selbst hatte die Bemühungen von Google und Facebook, eine einzige, nachprüfbare und kohärente Online-Identität zum Standard zu erheben, immer wieder kritisiert. Die Menschen würden damit auf eine Weise reduziert, die ihnen nicht wirklich entspreche, so Poole etwa bei einem Vortrag im Jahr 2011.

Von seinem Erfolgsprojekt 4chan hatte sich Poole schon vor einem Jahr verabschiedet, damals erklärte er, er steige aus dem Tagesgeschäft bei der Plattform aus. Im September 2015 verkaufte er 4chan dann für eine unbekannte Summe an den Japaner Hiroyuki Nishimura, Gründer eines optisch ähnlichen Anime-Forums in Japan, das einst das Vorbild für 4chan gewesen war.

Schon 2011 hatte Poole eine Webseite namens Canvas gegründet, die, so wie 4chan, auch ein Bilderforum sein sollte, aber etwas weniger anarchisch und chaotisch. Canvas floppte aber, ebenso wie das daraus hervorgegangene Zeichner-Forum DrawQuest. Beide wurden eingestellt.

"Die böseste Organisation auf dem Planeten"

Nun teilte moot über sein Tumblr-Blog mit : "Heute freue ich mich, verkünden zu können, dass ich bei Google angefangen habe." Er habe sich von der "Intelligenz, Leidenschaft und dem Enthusiasmus" von Google-Mitarbeitern angezogen gefühlt und freue sich, "das nächste Kapitel meiner Karriere bei einer so unglaublichen Firma beginnen zu können". Bislang schien das Thema Karriere bei Poole keinen allzu großen Stellenwert einzunehmen, aber vielleicht braucht der 1988 geborene Jungunternehmer auch einfach Geld. Was genau Poole bei Google tun soll, ist bislang unklar.

Bei 4Chan wurde die Nachricht von dem Karriereschritt des einst wie ein Gott verehrten Gründers erwartungsgemäß mit bösem Humor aufgenommen. "Cool, dass er jetzt eine Karriere hat oder so, aber wer auch immer ihn eingestellt hat, war ein Idiot, und ich an seiner Stelle würde mich wie ein Hochstapler fühlen", schrieb ein Anonymous, ein anderer: "Das passt gut zusammen, Google ist mit Abstand die böseste Organisation auf dem Planeten."

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