Samstag, 21. Oktober 2017

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Digitaler Goldrausch Kryptogeld hat Folgen für die Realwirtschaft

Die größten Digitalwährungen: Bitcoin und die Alternativen
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REUTERS

Es wird wohl Zeit, Kryptowährungen ernst zu nehmen. Nicht so sehr, weil die ohne den Segen von Zentralbanken aus Computercode geschaffenen und allein von den Regeln ihres jeweiligen Netzkollektivs gesicherten Geldalternativen tatsächlich Euro, Dollar und Co. ersetzen könnten. Dafür sind Bitcoin und die zahlreichen Nachahmer schlichtweg als Zahlungsmittel zu unpraktisch.

Doch sie eignen sich hervorragend zur Spekulation. Die mittlerweile mehreren hundert alternativen Digitalsysteme haben binnen Kürze - mit heftigen Aufs und Abs - einen Börsenwert von rund 100 Milliarden Euro zusammengebracht. Das Magazin "Forbes" schreibt von "der verrücktesten Blase aller Zeiten". Ein "Initial Coin Offering" jagt das nächste, und etliche Investoren werden fast mühelos reich - gerade weil ihre Systeme das digitale Geld bewusst knapp halten.

Bitcoin, Ether, Gno und wie sie alle heißen werden so nicht zur Alternative zu Bargeld, das seine Funktion als Schmiermittel der Wirtschaft nur mit stabilem Wert (und nachfragegemäß schwankender Menge) erfüllen kann - aber zur Alternative zu Gold Börsen-Chart zeigen, in dessen Form sich Reichtum verwahren lässt, also dem Geldkreislauf entziehen.

Der digitale Goldrausch hat aber durchaus Folgen für die Realwirtschaft - zumindest für das moderne Äquivalent der Verkäufer von Spaten und Hacke. Wie "Quartz" berichtet, erfreut sich der Chipkonzern AMD Börsen-Chart zeigen einer rasant steigenden Nachfrage nach Grafikprozessoren, die sonst noch von Nvidia angeboten werden. Die digitalen Geldschürfer brauchen schnelle Rechner, um das Rennen um den nächsten "Block" zu gewinnen. Einige chartern dem Bericht zufolge sogar Jumbojets, um ihre Prozessoren so schnell wie möglich ans Netz zu bekommen.

Innerhalb der Kryptogeld-Gemeinde gibt es durchaus auch Akteure, die ihr Projekt weniger wie Gold und mehr wie Geld eingesetzt wissen wollen, um tatsächlich in den Wettbewerb mit Zentralbanken zu treten. Transaktionen sollen schneller und billiger werden. Das erfordert, die Komplexität der Rechnungen hinter der Blockchain-Datenbank zu senken, Datenlimits an- oder aufzuheben - und dem Interesse der Goldberauschten an steigenden Preisen entgegenzutreten.

Die widerstreitenden Interessen haben schon zu mehreren Spaltungen geführt. Bis Mitte Juli tobte der "Bitcoin-Bürgerkrieg", wie ihn der "Economist" nennt, und konnte kurz vor der zum 1. August drohenden Spaltung der wichtigsten Kryptowährung mit einem Kompromiss - und der Drohung mit Hackerattacken - beigelegt werden. Stattdessen wagt sich unter dem Namen "Bitcoin Cash" eine neue Alternative auf den Markt - mit vagen Chancen darauf, genug Unterstützer zu sammeln.

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