Samstag, 21. April 2018

Ethische Fragen durch Bioprinting Frankensteins Monster? Das sind wir vielleicht bald selbst 

Schädel aus dem 3D-Drucker: Bis 2027 wollen Forscher in der Lage sein, funktionsfähige Augen auszudrucken

Spätestens im Jahr 2027 wollen italienische Forscher in der Lage sein, funktionsfähige Augen zu drucken. Diese Augen aus dem 3D-Drucker sollen aber nicht nur Sehdefizite ausgleichen, sondern weit über die Kapazität menschlicher Augen hinausgehen. "Enhance Your Eye" - abgekürzt EYE - nennen die Forscher ihre Technologie, die einen weiteren Schritt in Richtung Cyborg markiert. Immer häufiger wird künftig Hochtechnologie direkt mit dem Körper verbunden, die Grenze zwischen Mensch und Technik verschwimmt, es stellen sich neue ethische Fragen. Ist es wünschenswert, menschliche Fähigkeiten durch technische Ergänzungen oder Implantate so zu verändern, dass eine individuelle Überlegenheit erzeugt wird? Ist die Verschmelzung von Mensch und Roboter großartig oder gruselig? Wo verläuft die Grenze zwischen medizinisch vertretbarem Nutzen und der Erschaffung potenziell gefährlicher Mensch-Maschinenmonster?

Das Unternehmen MHOX möchte sein 3D-gedrucktes Auge in drei Varianten anbieten: EYE Heal soll bei Blindheit oder schwerer Krankheit das Sehvermögen wieder herstellen. EYE Enhance soll ein neues Lifestylegefühl durch verschiedene Sehfilter ermöglichen, wie man sie heute schon aus der Fotobearbeitung kennt. Man wirft dann eine spezielle EYE-Pille ein und kann anschließend die Welt zum Beispiel wie einen Schwarz-Weiß-Film betrachten. Das klingt witzig und harmlos - ist es aber nicht, weil schon fehlende Farbsichtigkeit zu Gefahren führen kann. Doch EYE Enhance soll nebenbei auch die Sehfähigkeit deutlich über das menschliche Normalmaß steigern. Wir könnten uns damit also Adleraugen kaufen und dann vielleicht auch aus 20 Metern Entfernung noch Text auf dem Bildschirm eines Dritten lesen, der davon nichts ahnt.

Anke Domscheit-Berg
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    fotografa/Berlin
    Anke Domscheit-Berg ist Publizistin, Netzaktivistin und Bundestagsabgeordnete. Sie beschäftigt sich mit den disruptiven Potenzialen der beginnenden Dritten Industriellen Revolution. Die ehemalige Managerin von Microsoft Deutschland, McKinsey und Accenture setzt sich für Frauenrechte und Flüchtlinge ein und ist seit 2012 Mitglied einer Denkfabrik der Welthungerhilfe. Als parteilose Abgeordnete wurde sie 2017 auf der Liste der Linkspartei in den Deutschen Bundestag gewählt.
Richtig schwierig wird es beim dritten geplanten Produkt, EYE Advance. Dieses Kunstauge soll zusätzlich alles Gesehene aufzeichnen, speichern und mit Dritten teilen können. Privatdetektive, Stalker, Spione, Ideendiebe aber auch investigative Reporter, Bürgerrechtler, Whistleblower oder eifersüchtige Partner bräuchten sich also keine Gedanken mehr um versteckte Kameras, Kopiermöglichkeiten und ihre Entdeckung zu machen, sie kaufen sich einfach ein EYE Advance, gucken in die richtige Richtung, aktivieren das eingebaute WiFi und übertragen das, was sie sehen - vielleicht auch in irgendeinen Livestream. Das können Menschenrechtsverletzungen sein, aber auch der Nachbar (oder man selbst) beim Sex. Anders als bei Google Glas, das als Brille ähnliche Funktionalitäten anzubieten hatte, wäre beim eingebauten Bioprint-Auge die Gefahr für die Privatsphäre von außen überhaupt nicht mehr erkennbar.

Soll man sich solche Augen einsetzen lassen dürfen? Diese Frage ist relevant. Schon 2013 wurde ein Ohr aus lebenden Zellen in einer Hydrogel-Matrix gedruckt, inklusive einer Miniantenne aus leitfähigen Silber-Nanopartikeln. Das Ergebnis: ein Ohr, das statt im üblichen Frequenzbereich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz selbst Töne im Bereich 1 Megahertz bis 5 Gigahertz wahrnehmen konnte, wenn auch bisher nur als Radiowellen - aber diese lassen sich auch umwandeln in hörbaren Input. (3) Nicht nur unsere vorhandenen Sinne könnten so geschärft werden, wir könnten uns jede Menge weiterer Sinne verschaffen, etwa durch Sensoren, die mit 3D gedruckten Organen unsere körperlichen Fähigkeiten erweitern.

Die meisten von uns werden vermutlich noch erleben, wie immer mehr Körperteile druckbar werden. Das klingt ein wenig nach Frankenstein, aber für viele Kranke wird dieses Additive Manufacturing lebensrettend sein. Bis zur transplantierfähigen gedruckten Niere aus eigenem Zellmaterial soll es nur noch 20 Jahre dauern, die einfacheren biogedruckten Herzen erwartet man in etwa zehn Jahren. Eine Welt, in der Menschen nicht mehr sterben müssten, nur weil es kein Spenderorgan rechtzeitig für sie gab, wäre zweifellos eine bessere. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation stehen allein in Deutschland mehr als 10.000 Patienten auf einer Warteliste für ein Spenderorgan. Allein auf eine Niere warten dreimal so viele Menschen, wie Organe vermittelbar sind, die durchschnittliche Wartezeit beträgt mehr als fünf Jahre - viele Kranke überleben die Wartezeit nicht.

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