Montag, 26. September 2016

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Beichte des Amazon-Gründers Warum Jeff Bezos Milliardenverluste kaltlassen

Amazon-Gründer Bezos in New York: "Wurzelbehandlung ohne Betäubung"

Fast schon fröhlich bekennt sich Jeff Bezos zu milliardenschweren Fehlinvestitionen. Tatsächlich dürften sie den Amazon-Gründer kaum stören. Weit mehr Sorgen bereitet hingegen ein Versprechen, das immer schwieriger zu halten ist.

Hamburg - Selten, dass Unternehmer so gelassen über massive Fehlinvestitionen sprechen. "Ich habe bei Amazon Börsen-Chart zeigen Milliarden Dollar in den Sand gesetzt", sagte Firmengründer Jeff Bezos auf einer Konferenz des Onlinemagazins "Business Insider" in New York. Wenn er nun näher darauf eingehen müsse, würde es sich wohl anfühlen "wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung", fügte Bezos scherzend hinzu - um sofort klarzustellen: Derartige Verluste bereiteten sicher keine Freude, seien aber für den Erfolg schlicht notwendig.

Konkret versuchte Bezos so, den massiven Misserfolg des Amazon-eigenen Smartphones Fire Phone zu relativieren. Unter anderem deswegen war der Konzern im dritten Quartal überraschend tief in die Verlustzone gerutscht. Allein am Tag der Quartalsbilanz fiel der Aktienkurs um elf Prozent, und obwohl er sich inzwischen wieder deutlich erholt hat, liegt er noch immer rund 20 Prozent unter seinem Höchststand im Januar.

Prompt sieht etwa das "Forbes"-Magazin Amazon und mit ihm Gründer Bezos am "Wendepunkt". Es sei zweifelhaft, ob der Konzern einer erfolgreichen Zukunft entgegengehe. Andere Analysten verglichen Bezos' Strategie mit einem Schneeballsystem, das nur so lange funktioniere, wie neue Anleger bereit zu Investitionen seien. Ein System, das nun vor dem Ende stehe. Den jüngsten Kurseinbruch werteten sie als Signal, dass Investoren nun Profite erwarten. In dieser Lesart ist Bezos' Auftritt in New York als Versuch zu werten, wankelmütige Investoren zu halten, indem er den Misserfolg flugs zur Strategie umdeklariert.

Nachhaltige Investitionen vor kurzfristigen Gewinnen

Jeff Bezos ist tatsächlich ein Überzeugungstäter. Seit mehr als 20 Jahren hält er an einem ebenso simplen wie radikalen Erfolgsrezept von Amazon fest. Wachsen, wachsen, wachsen. Ein Rezept, das nun allerdings an seine Grenzen stößt - was Bezos weit mehr Sorgen bereiten dürfte als ein Verlustquartal und ein paar maulige Investoren.

Die Management-Grundsätze Bezos' sind kein Geheimnis. Als er seine Unternehmensgründung 1997 an die Börse brachte, schrieb er einen Brief an Investoren, in dem er seine Strategie kurz und bündig darlegte und den er seitdem jedem neuen Geschäftsbericht beilegt. Darin findet sich der zentrale Grundsatz, nachhaltig und langfristig zu investieren - also nicht wegen kurzfristiger Gewinne oder um den Aktienkurs zu befeuern.

Ein Kernsatz in dem Brief lautet: "Wir werden anstatt ängstlicher mutige Investitionsentscheidungen treffen, wo immer wir es als ausreichend wahrscheinlich einschätzen, Marktführer zu werden. Einige werden sich auszahlen, andere nicht. Dazugelernt haben werden wir in jedem Fall." Gleich darauf folgt die Klarstellung, dass Bezos künftige Cashflows wichtiger sind als Gewinne der Gegenwart.

Anders ausgedrückt: Investitionen nach Bezos' Geschmack schmälern zwar kurz- und mittelfristig durch Abschreibungen den Gewinn, sorgen aber dafür, dass in der Zukunft mehr Geld auf die Firmenkonten strömt als davon abfließt.

Volkswirtschaftlich vorbildlich

Seitdem hat Amazon konsequent nahezu alle operativen Gewinne investiert, statt sie einfach an Aktionäre auszuzahlen - das exakte Gegenteil etwa von Apple, das derzeit mehr als 150 Milliarden Dollar gehortet hat, obwohl es bereits fast hundert Milliarden Dollar über Aktienrückkäufe und Dividenden an die Anleger ausgeschüttet hat.

Dennoch hat auch Amazon seine Aktionäre bislang äußerst zufrieden gemacht. Laut "Harvard Business Manager" hat Bezos ihnen eine höhere Rendite beschert als jeder andere Konzernchef - immer noch sei der Amazon-Chef "der erfolgreichste Manager der Welt", schreibt das Magazin in seiner aktuellen Ausgabe. Denn was den Investoren an Dividenden, also direkten Ausschüttungen entging, machte der Kurs wieder wett: Um mehr als 15.000 Prozent ist die Aktie seit dem Börsengang 1997 gestiegen.

Auch volkswirtschaftlich ist der Ansatz "Investition vor Ausschüttung" sinnvoll - insbesondere in Deutschland, wo gerade Unternehmen seit Jahren deutlich zu wenig investieren, während manche ihrer Aktionäre sich beheizbare Garagenauffahrten bauen lassen.

Der steile Kurszuwachs spiegelte wider, dass Amazon stets auch die Bedingung ernst nahm, unter der es mutig investieren wollte: Im Gegenzug sollte die Marktführerschaft in dem jeweiligen Segment stehen. Daher hat Amazon auch stets darauf geachtet, nicht nur in neue Geschäftsfelder, sondern auch in die bestehenden Abläufe viel Geld zu stecken. Er wette, dass "70 Prozent unserer Neuerungen das Ziel haben, einen Prozess ein klein wenig zu verbessern", sagte Bezos dem "Harvard Business Manager".

Buchläden lassen sich leichter an die Wand drücken als Google

Solche schrittweisen Verbesserungen stehen in auffälligem Kontrast zum Image von Bezos als kapitalistischer Revolutionär, der einen Markt nach dem anderen aufmischt. Sein Erfolg beruht stattdessen mehr auf inkrementellen Verbesserungen im Detail.

Auf seinem jeweiligen Gebiet der Größte und der Beste sein zu wollen: Das ist das Versprechen, das Bezos den Aktionären 1997 gab, das er seitdem zumeist hielt - und das daher den enormen Wertzuwachs des Unternehmens ungeachtet miserabler Geschäftszahlen rechtfertigte: Amazon ist der größte Onlinehändler, der führende Cloud-Dienstleister, Hersteller des am weitesten verbreiteten E-Book-Readers. Gegen die Investitionsmacht Amazon konnte meist kein Wettbewerber mithalten.

Doch genau hier droht nun die Gefahr für Jeff Bezos: Amazon sieht sich inzwischen auf zu vielen Gebieten mächtiger und starker Konkurrenz gegenüber: Alibaba, das jüngst einen spektakulären Börsengang in New York hinlegte. Vor allem aber Google, das in den USA ebenfalls in den Versandhandel eingestiegen ist und auf dem Cloud-Computing-Markt ebenso wie Microsoft mit Kampfpreisen agiert. Auch Wal-Mart drängt mit Macht und Erfolg in den Onlinehandel. Und wo Amazon selbst versucht, neue Märkte aufzurollen, scheinen die Verhältnisse bereits zementiert - wie die Pleite mit dem Fire Phone belegt. Es ist halt ein Unterschied, ob man inhabergeführte Buchhandlungen an die Wand drängen will - oder Weltkonzerne wie Google, Apple oder Samsung.

Jeff Bezos wird weiterhin keine Mühe haben, Witze über verbrannte Milliarden und Quartalsverluste zu machen. Weit schwieriger dürfte ihm eine schlüssige Erklärung dafür fallen, wie Amazon seine Märkte weiterhin beherrschen will.

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