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15.11.2012
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Steve Case/Thomas Middelhoff
"Keine Scheu vor dem Scheitern"

Von Klaus Boldt

Internet-Pioniere: Case und Middelhoff ziehen Bilanz
Fotos
Evan Kafka; Jan Riephoff

Zwei Männer, zwei Karrieren, eine Frage: Wie lässt sich mit dem Netz Geld verdienen? Ein Gespräch mit den Internetpionieren Steve Case und Thomas Middelhoff.

mm: Herr Case, Herr Middelhoff, Sie galten Ende der 90er Jahre als das Traumpaar der noch jungen Internetszene. Wann und wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Middelhoff: Das war im Herbst 1994.

Case: Ja, zwei Jahre nach unserem Börsengang mit AOL, und wir sind bis heute sehr eng befreundet.

Middelhoff: Ich war 41 Jahre alt, gerade Strategievorstand geworden und sollte eine Multimediastrategie, wie man es damals nannte, entwickeln. So kam der Kontakt zustande.

Case: Wir hatten uns mit AOL in den ersten Jahren auf die USA konzentriert und wollten nach Europa gehen, als Bertelsmann einen Partner fürs Internet suchte. Es war schnell klar, dass unsere Ideen zusammenpassten, und so bauten wir gemeinsam AOL Europe auf.

Middelhoff: Uns hat von Anfang an eine sehr offene und vertrauensvolle Beziehung verbunden. Und während meiner Arbeit im Board von AOL wurde daraus eine sehr tiefe Freundschaft.

mm: Der Freudentaumel jener Jahre, als sich unter Ihrer Führung, Herr Case, AOL und Time Warner Chart zeigen zusammenschlossen, ähnelt in gewisser Weise den Zuständen heute: Statt AOL werden Google Chart zeigen, Apple Chart zeigen und Facebook Chart zeigen verherrlicht - und bei Bertelsmann redet man wieder viel von Internationalisierung und Konzentration aufs Digitalgeschäft. Manchmal das Gefühl, zu früh auf der Bühne gestanden zu haben?

Case: Schwer zu sagen. Ich beschäftige mich ja seit drei Jahrzehnten mit dem Internet, und vieles liegt schon so lange zurück. Wir waren aber schon damals überzeugt davon, dass das Internet und seine Möglichkeiten zu einem zentralen Teil des Alltagslebens werden und in eine Verschmelzung der Medien und Techniken münden würde. Schon in den 90ern hatten wir mit AOL die Menschen miteinander verbunden, Inhalte geteilt und den elektronischen Geschäftsverkehr entwickelt.

Middelhoff: Was heißt zu früh? Medien unterscheiden sich von anderen Industrien ja grundsätzlich dadurch, dass ihre Inhalte digitalisierbar sind und auch digitalisiert an die Kunden geliefert werden können. Es war uns klar, dass alle Medien massiv unter Druck geraten würden. Deshalb hatten wir mit hohem Tempo und großem Momentum versucht, neue Strategien zu entwickeln. Als später der Neue Markt kollabierte - in dem ja vergleichsweise nur wenige Internetfirmen notiert gewesen waren -, hatten Medienunternehmen dies zum Anlass genommen, ihre Zukunftsinvestitionen ins Internet wieder zu kürzen. So sehr es mich freut, dass das, was wir damals entwickelt hatten, aktueller denn je erscheint, glaube ich, dass es heute anderer Ansätze bedarf, um mit den Herausforderungen fertig zu werden.

mm: Zumal auch bei Ihnen nicht alles geklappt hat. Die Musiktauschbörse Napster etwa war ein millionenteurer Flop.

Middelhoff: Ich bin überzeugt davon, dass wir Napster mit weltweit rund 80 Millionen Nutzern ...

mm: ... illegalen Nutzern ...

Middelhoff: ... nun, die rechtliche Lage war sehr kompliziert. Die meisten der auf Napster getauschten Musiktitel waren frei von urheberrechtlichen Schranken. Problematisch war das Server-Client-System und dass die Suchanfragen über einen zentralen Rechner liefen. Nein, wir hätten Napster zu einem Erfolg machen können - finanziert durch Werbung und Abonnements und eine von uns angedachte Verbreitung auch über Mobilgeräte - genau das, was Apple zwei Jahre später tat. Alle, die heute neidvoll auf iTunes blicken, müssten sich in den Hintern treten dafür, dass sie nicht mehr aus Napster gemacht haben.

mm: Schon als AOL und Time Warner ihr Bündnis schlossen, behauptete man steif und fest, dass das Internet das traditionelle Mediengeschäft rückstandlos verdampfen würde. Bis heute ist dies zwar nicht geschehen, aber dennoch befindet sich die Zeitungsindustrie seit 15 Jahren in der Krise. Man sollte doch annehmen, dass 15 Jahre Zeit ausreichen, um sich etwas zu ihrer Bekämpfung einfallen zu lassen, oder nicht?

Case: Das stimmt. Die traditionellen Medien hatten zwar erkannt oder vorgegeben zu erkennen, wie wichtig die Digitalisierung ist und welche Rolle sie für ihr Geschäft spielt, aber etliche von ihnen haben ihre Chancen einfach nicht bissig genug verfolgt: Das gilt für Bertelsmann genauso wie für Time Warner und andere. Und nun haben ihnen halt junge Unternehmen den Rang abgelaufen.

Middelhoff: Viele Verlage wollen nicht verstehen, dass ihr Geschäftsmodell in der digitalen Welt nicht mehr zu verteidigen ist. So wenig wie Musikhörer nicht mehr bereit waren, eine CD nur wegen eines einzigen Titels zu kaufen, so wenig wird der Leser künftig noch eine Zeitung kaufen, wenn er sich nur für eine Rubrik oder einen Artikel interessiert.

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Steve Case

  • Gestern
    Evan Kafka für mm
    Steve Case (54), Sohn einer Lehrerin und eines Anwalts aus Honolulu, gehörte zu den Gründern des Netzdienstes America Online (AOL), der unter seiner Leitung zu einer Legende der Internetwirtschaft wurde mit einer Börsenbewertung von zeitweise rund 165 Milliarden Dollar. 2000 fädelte Case die mit einem Marktvolumen von 350 Milliarden Dollar bis heute größte Firmenfusion der Wirtschaftsgeschichte ein: die Allianz mit dem damals führenden Medienkonzern Time Warner. Die Träume, die sich mit der Transaktion verbanden, platzten mit der ersten Internetblase und endeten nach vielen kulturellen Reibereien mit Wertberichtigungen in Höhe von 44,9 Milliarden Dollar, einem traurigen Weltrekord. Schon 2003 strich Time Warner das Kürzel AOL aus dem Firmennamen.
  • Heute
    Seit 2005 investiert der in den USA hoch angesehene Case mit seiner Washingtoner Holding Revolution unter anderem in Technik-, Internet und Konsumgüterfirmen sowie in Ferienanlagen. Die Case Foundation gehört The Giving Pledge an, dem von Bill Gates und Warren Buffett gegründeten Kreis von Milliardären, die den Großteil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke spenden.

Thomas Middelhoff

  • Gestern
    Jan Riephoff für mm
    Thomas Middelhoff (59) war von 1998 bis 2002 Vorstandschef von Bertelsmann. Unter seiner Regie akquirierte der Konzern den Buchverlagsriesen Random House und übernahm die Kontrolle über die RTL Group, heute der größte Umsatz- und Gewinnbringer von Bertelsmann. Middelhoffs Börsen- und Umbaupläne, der von ihm ausgelöste Kulturkampf zwischen neuer und alter Ökonomie, dazu die Sorge der Eignerfamilie Mohn vor einem Machtverlust, kosteten ihn im Sommer 2002 den Job.
  • Heute
    2004 zog Middelhoff in den Aufsichtsrat der taumelnden KarstadtQuelle AG (später: Arcandor) ein, deren Leitung er 2005 übernahm. "Im operativen Geschäft", notierte der "Spiegel", habe er "keine gravierenden Fehler gemacht. Das geben selbst seine Kritiker zu". Nachdem die Aktie fast 90 Prozent ihres Wertes verloren hatte, wurde Middelhoff 2008 abgelöst. Heute arbeitet er mit Middelhoff & Cie als Investor, führt die Geschäfte von Pulse Capital Partners, New York, und der Internetfirma Epals außerhalb der USA. In Kürze will er den Independent Think Tank for Media and Society ins Leben rufen, eine Forschungs- und Debattenplattform zum Wirtschaftswandel.

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