Samstag, 22. Juli 2017

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Mobilfunk Der Apps-Boom

iPhone-Menü: Pokern, Twittern, Spielen - für fast alles gibt es eine Anwendung für Apples Mobiltelefon

Zusatzprogramme für Multimedia-Handys stoßen auf wachsende Begeisterung - bei den Nutzern, aber auch bei professionellen Software-Entwicklern und Hobby-Tüftlern. Sie alle wollen mitverdienen, doch das große Geschäft macht nur einer: der iPhone-Anbieter Apple.

Armin Heinrich hat ein Programm geschrieben, das nicht viel kann, und eigentlich will er auch nicht mehr darüber reden. Innerhalb weniger Minuten baute er vergangenen Spätsommer aus ein paar Strichen und Farbverläufen einen digitalen Edelstein. Der Diplom-Ingenieur fügte einige Sätze inklusive Rechtschreibfehler hinzu und bot das glitzernde Nichts für stolze 999 Dollar in Apples Online-Zubehör-Portal als Programm für das iPhone an.

Acht Menschen kauften die Anwendung namens "I Am Rich", sieben davon angeblich aus Versehen. Apple entfernte das Programm nach einem Tag aus dem Angebot. Er habe ausprobieren wollen, wie weit man gehen könne, sagt Heinrich, 46, "was sich noch verkauft".

Offenbar fast alles.

Jedenfalls gibt es für das iPhone fast nichts, was es nicht gibt. Wer will, findet mit Hilfe seines mobilen Telefons Cannabis-Verkäufer, freie Taxen oder den Titel des Songs, der gerade im Radio läuft. Dank der kleinen Programme dient das Handy als Wasserwaage oder Kompass und bei Bedarf weist es zur Gebetszeit gen Mekka.

Mehr als 100.000 solcher Applikationen, kurz Apps genannt, kann der iPhone-Besitzer mittlerweile über die hauseigene Plattform iTunes Store kostenlos oder für mehr oder weniger viel Geld herunterladen. Viele sind nützlich, manche purer Nonsens. Besonders beliebt sind Spiele, Navigationssysteme und Büroanwendungen.

Vor gut einem Jahr erlaubte Apple jedermann, Programme für das iPhone zu schreiben. Anfangs fühlten sich davon nur wenige hundert Tüftler aufgerufen, inzwischen aber sind über 125.000 Entwickler registriert. Ein paar von ihnen haben mit ihren kleinen Programmen ziemlich viel Geld verdient, die meisten jedoch kaum mehr als ein Taschengeld.

Für die kalifornische Kultfirma Apple ist das Ganze ein riesiges Geschäft. 70 Prozent der Einnahmen gehen an den jeweiligen Entwickler, die restlichen 30 bleiben bei Apple. Jeder Programmierer muss zunächst 99 Dollar bezahlen. Dafür erhält man neben Hilfestellung auch die Zahlungsabwicklung, und das eingereichte Werk durchläuft einen internen Qualitätscheck - den allerdings auch Heinrichs digitaler Edelstein anstandslos durchlief.

200 Millionen US-Dollar Umsatz mit Apps im Monat

Zwei Milliarden Mal wurden iPhone-Apps bisher heruntergeladen, der amerikanische Werbevermarkter AdMob schätzt den erwirtschafteten Umsatz auf rund 200 Millionen Dollar - nur für den Monat August. Und das ist erst der Anfang. Die Beratungsfirma Strategy Analytics geht davon aus, dass 2013 mit Apps weltweit mehr als sechs Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Laut AdMob laden sich iPhone-Nutzer jeden Monat im Schnitt zehn Anwendungen herunter, für fast jede Dritte davon sind sie bereit zu bezahlen - mehr als neun Dollar monatlich.

Ein neuer Markt ist so entstanden in einer Branche, die nach Jahren stürmischen Wachstums seit geraumer Zeit nur noch stagniert: Wirkliche Zuwächse gibt es in der Mobiltelefonie beispielsweise noch in Indien oder China, in Deutschland sind die Umsätze sogar rückläufig.

Apples Geschäft hingegen prosperiert: Das iPhone hat sich zum Kult-Handy entwickelt - nicht zuletzt wegen der kleinen Programme. Dank des Apps-Booms hat Apple sogar geschafft, wovon viele andere Telefonhersteller nur träumen können: Die Firma verdient mit längst verkauften Geräten weiter Geld.

Der Fachbuchautor Mirko Müller will an dem Geschäft teilhaben. Sein Programm "Die perfekte Eieruhr" hat sich binnen eines Monats rund tausendmal verkauft. Für die Programmierung war aber auch einiger Aufwand nötig: Müller, 39, kochte Eier auf dem heimischen Gasherd, am Elektroherd von Eltern und Freunden, legte kühlschrankkalte Eier in zimmerwarmes Wasser und umgekehrt. "Wir haben Hunderte Eier gekocht und gegessen", sagt er.

Die angeblich perfekte Eieruhr für 1,59 Euro

Heraus kam ein Programm, das anhand verschiedener Variablen ausrechnen kann, wie lange das ideale Frühstücksei zu kochen ist. Ein weiches Ei ist am Ende 72 Grad warm, bei einem Durchmesser von 26 Millimetern, acht Grad Ausgangstemperatur und bei 1592 Höhenmetern benötigt es dafür eine Minute und 59 Sekunden. Müller ließ sein Angebot in mehrere Sprachen übersetzen, nun verkauft er die ausgefeilte Eieruhr für 1,59 Euro.

Eine App muss allerdings in den Top-Listen auftauchen und von den Nutzern positiv bewertet werden, sonst hat sie kaum eine Chance.

Etwas Glück gehört dazu. Sophia Teutschler, 27, schrieb ihr Programm "Tipulator" hauptsächlich für sich selbst: Sie wollte wissen, welches Trinkgeld angemessen ist. Als Apple ihr Programm für einen Fernsehwerbespot in den USA verwendete, schnellten die Verkaufszahlen über Nacht in die Höhe. Bis jetzt hat sie rund 80.000 Euro eingenommen, die Entwicklungskosten lagen bei 2000 Euro.

Es gibt viele solcher Erfolgsgeschichten, und sie sind wie auch die Geschichte des iPhones umso erstaunlicher, als Apple weder das Multimedia-Handy noch die Applikationen erfunden hat. Das erste sogenannte Smartphone etablierte Nokia. Zusatzprogramme für Handys gibt es schon lange, und auch Google hatte schon früh die Idee. Doch als deren Android-Apps dann schließlich auf den Markt kamen, war Apple schon da - und Kult.

Mittlerweile gibt es auch für andere Mobiltelefone Programme: Palm, Nokia und Microsoft betreiben ebenfalls Plattformen für mehr oder weniger nützliche Apps und verschiedenste Smartphones. Research in Motion eröffnete im Frühjahr dieses Jahres für seinen Blackberry eine App World, etwa 2500 Anwendungen gibt es dort für Geräte, die hauptsächlich Geschäftsleute ansprechen sollen. Doch Apple beherrscht den ungleich größeren Konsumentenmarkt.

Eine kleine Branche hat sich rund um Apples App-Geschäft entwickelt, mit vielen Hobby-Tüftlern, aber auch mit Software-Unternehmen wie den US-Firmen Zynga und Pangea oder Cultured Code aus Stuttgart: Zynga ist erst zwei Jahre alt und macht mit Spielen jetzt schon hundert Millionen Dollar Umsatz und ist profitabel. Damit die Entwickler keine wertvolle Zeit mit Restaurantbesuchen verschwenden, werden täglich zwei Mahlzeiten an die Schreibtische serviert.

Mit einem trivialen Wassertropfenspiel setzte die US-Firma Pangea schon 2,5 Millionen Dollar um. Cultured Code verkauft an guten Tagen ihr knapp acht Euro teures Projektverwaltungsprogramm "Things" weltweit mehr als 1500-mal.

175 Vogelstimmen für knapp 10 Euro

Mehrere tausendmal wurde auch Dimitri Völks App schon gekauft. Völk, 27, hat keine Ahnung von Vögeln. Trotzdem macht es seine Entwicklung möglich, 175 Vogelstimmen voneinander zu unterscheiden. "Bettelruf", "Gesang" - anhand eines Auswahlmenüs und einer Bilddatenbank kann schnell der richtige Vogel identifiziert werden. "Wir haben eine Datenbank geschrieben, die man binnen weniger Tage mit vorhandenen Inhalten aus Fachbüchern füllen kann", sagt Völk. Fast zehn Euro ist Hobby-Ornithologen das Programm wert. Völks neuster Hit: ein Pilzführer. Sammler können ihre Funde bestimmen und die Koordinaten besonders ertragreicher Pilzwiesen für die kommende Saison speichern. "Man braucht nur eine gute Idee und muss die Vorteile des Smartphones im Blick haben. Sonst nehmen die Leute eben ein Buch mit in den Wald", sagt Völk.

Der Erfolg der Apps hat inzwischen auch Verlage und Fernsehsender aufmerksam gemacht. Denn wenn die Leute schon für Pilzbestimmung Geld bezahlen, warum nicht auch für Nachrichten? In der Medienbranche macht man sich deshalb Hoffnung, Applikationen könnten den Leser dazu animieren, im Netz für journalistische Inhalte zu bezahlen.

Der Gedanke via iPhone, Blackberry und Co. Geld für gut recherchierten Journalismus zu bekommen, erscheint nicht abwegig - immerhin sind Mobiltelefonbenutzer daran gewöhnt worden, für Leistungen auch Geld zu bezahlen. Laut einer McKinsey-Analyse interessieren sie sich jedoch hierzulande vor allem für allgemeines Suchen im Internet, Mail-Abruf, Karten- und Navigationshilfen sowie Musik. Erst dann folgen Nachrichten.

Überschaubare Verkäufe bei Einkaufs- und Beautytipps

Im deutschen App Store finden sich deshalb nur wenige Applikationen klassischer Printmedien. Seit Februar dieses Jahres existiert ein Angebot der Online-Plattform stern.de, rund 360.000-mal ist das Gratisprogramm seither laut Verlag heruntergeladen worden. Viel mehr als die Website der Hamburger Illustrierten bietet die Applikation nicht.

Einige Regionalzeitungen wie die "Augsburger Allgemeine" prüfen derzeit, eine Art Kiosk unter dem Arbeitsnamen "News Push" für das iPhone anzubieten. Auch die "Süddeutsche Zeitung" will im November eine App anbieten.

Der Axel-Springer-Verlag verkündete öffentlichkeitswirksam den Start des Fußballprogramms "Mein Klub". Man kann damit Nachrichten über den Lieblingsverein abrufen oder lesen, dass Felix Magath seinen Führerschein abgeben soll - diese Art Information hätte man im Internet genauso übersichtlich finden können.

Die Frauenzeitschrift "Elle" des Burda-Verlags bietet für mehrere deutsche Städte Apps mit Einkaufstipps und Beauty-Salons an - statt eigens für das iPhone recherchierter Inhalte finden sich Texte von vorher schon erschienenen Sonderheften der Zeitschrift wieder. Kaufpreis im App Store: je 2,99 Euro. Die überschaubaren Verkäufe haben gerade mal die Entwicklungskosten wieder reingeholt.

Experten sind skeptisch, inwieweit sich kostenpflichtige Programme für journalistische Apps tatsächlich durchsetzen würden. Mit einem Smartphone kann der Nutzer ohne großen Aufwand ins Internet gehen, dort stehen oft speziell für Handys optimierte Web-Angebote zur Verfügung - vollständig und kostenlos. "Solange es den Browser-Button auf dem iPhone gibt, um an kostenlose Informationen im Internet zu gelangen, wird es sehr schwer, Bezahlangebote im App Store etablieren zu wollen", glaubt der McKinsey-Mobilfunkmann Alexander Dahlke.

Der Springer-Verlag will deshalb auch Ende des Jahres Apps für "Bild" und "Welt" einführen, die voraussichtlich über ein Abo-Modell nutzbar sein sollen. Kunden sollen mit zusätzlichen Inhalten wie Interviews geködert werden; mit Einführung wird der Zugang zu den Websites von "Bild" und "Welt" über das iPhone gesperrt - möchte man weiterhin die Seiten nutzen, ginge das nur noch über das kostenpflichtige Programm.

Denn bisher läuft auch die Werbefinanzierung von Smartphone-Anwendungen nur schleppend. "Auf Apps mit Werbebannern drin wartet die Welt natürlich nicht", sagt Florian Gmeinwieser aus der Geschäftsleitung von Plan.Net mobile, einer Agentur für mobile Werbung.

Noch nicht einmal das vielgenutzte iPhone-Programm "Meine Stadt" finanziert sich allein durch Werbung. Der Nutzer kann damit die nächstgelegenen Geldautomaten, Bars oder Tankstellen finden.

Doch viele Applikationen müssen sich auch nicht rechnen - sie dienen nur dem Marketing. Viele Firmen seien einem regelrechten "Application-Hype" verfallen, sagt Werber Florian Gmeinwieser. Niedrige Entwicklungskosten von wenigen tausend Euro verleiten die Firmen, mit eigenen Apps an den Start zu gehen. "Jeder Vorstand will heute eine App für seine Firma haben. Wirklich durchsetzen werden sich aber nur Sachen mit Mehrwert", prognostiziert Gmeinwieser.

Mancher Entwickler zieht seinen ganz persönlichen Mehrwert aus seinen Programmierkünsten. Als Lars Bergelts Frau zum ersten Mal schwanger war, schrieb der Orthopädieschuhmacher aus dem sächsischen Mittweida ein Programm, mit dem man die Entwicklung des Kindes verfolgen kann. Eine Grafik zeigt die Form des Körpers an, es werden Hinweise zu Gewicht und schon vorhandenen Organfunktionen eingeblendet. Nun ist Bergelts Frau zum zweiten Mal schwanger, sein Programm errechnete den 16. November als Geburtstermin. "Das wäre schon toll, wenn dann wirklich die Geburt wäre."

Nur vier Prozent der Kinder kommen pünktlich auf die Welt.

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