Samstag, 24. Februar 2018

Kommunikationsflut Der tägliche Bürowahnsinn

Das Telefon klingelt, der Chef ruft und gerade kommt eine neue E-Mail rein - der Manager von heute steht unter kommunikativem Dauerbeschuss. Die Folgen sind nicht nur für den Mitarbeiter verheerend. Auch die Unternehmen kostet das Büroleben des 21. Jahrhunderts jedes Jahr Milliardensummen.

Hamburg – Eine neue E-Mail im Postfach nicht lesen? Unmöglich, auch wenn man geistig gerade woanders ist. Das Handy piepst, weil eine neue SMS eingelaufen ist, und man guckt nicht sofort nach? Schwierig. Könnte ja wichtig sein. Ist die Kurznachricht abgeschickt, muss man sich freilich ganz neu sortieren. Und bald klingelt schon wieder das Telefon. Oder das Faxgerät spuckt etwas aus. Oder ein Kollege stürmt ins Zimmer mit Gesprächsbedarf.

Typische Büroszene:
"Sehr viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hätte"
Das Büro des 21. Jahrhunderts ist zur Kommunikationshölle geworden. Wer einen Blackberry hat, trägt den Wahnsinn auch außerhalb der Dienstzeiten stets bei sich.

Die nie endende Informations- und Datenflut überfordert Arbeitnehmer zunehmend. Die US-Wissenschaftlerin Gloria Mark hat den Alltag der Büroangestellten zweier Hightech-Firmen protokolliert. Die Realität sei noch "sehr viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hätte", sagte die Wissenschaftlerin danach der "New York Times" zufolge. Die Zeit, die ihre Versuchsobjekte ungestört an einer Arbeit sitzen konnten, bevor sie abgelenkt wurden, betrug im Durchschnitt gerade einmal elf Minuten. Nach der Unterbrechung beschäftigten sie sich zunächst mit mehreren anderen Themen. Erst nach 25 Minuten kehrten sie zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurück.

Der Irrsinn in vielen Büros des 21. Jahrhunderts hat in den USA eine ganze Forschungsdisziplin zum Blühen gebracht, die früher eher ein Randdasein fristete: Die "Interruption Science" - die Unterbrechungswissenschaft. Doch auch außerhalb dieser Disziplin berechnen Wissenschaftler immer häufiger die Folgen der dauernden Ablenkungen. Dabei bedient man sich gerne der Maßeinheiten Geld oder Zeit, um die Folgen möglichst eindrücklich zu vermitteln.

E-Mails kosten dreieinhalb Jahre Lebenszeit

Die Kosten des ständigen Büro-Multitaskings für die US-Wirtschaft bezifferten Forscher des Beratungsunternehmens Basex beispielsweise auf jährlich etwa 588 Milliarden Dollar. Wissenschaftler des Henley Management Colleges kamen nach der Befragung von 180 Führungskräften aus Deutschland, Großbritannien, Dänemark und Schweden zu dem Schluss, dass Manager im Durchschnitt dreieinhalb Jahre ihres Lebens mit unwichtigen oder überflüssigen E-Mails verplempern.

Wie wenig Menschen eigentlich dafür gemacht sind, über ein halbes Dutzend Kanäle gleichzeitig zu kommunizieren, zeigt auch ein etwas bizarr anmutender Vergleich von Forschern des Londoner King's College. Sie ließen zwei Versuchsgruppen dieselben Aufgaben erledigen. Die eine bekam parallel mehrere E-Mails zugesandt. Die andere Gruppe kiffte vor der Arbeit. Die Kiffer schafften mehr als die Probanden, die gleichzeitig mit ihren E-Mails beschäftigt waren.

Doch nicht nur der zunehmende Stress im Büro kostet die Menschen Zeit und die Wirtschaft Unsummen. Auch der Druck, den viele Arbeitnehmer im Arbeitsalltag empfinden, ist teuer. Dem Gesundheitsministerium zufolge sind etwa die Krankmeldungen in Deutschland in den vergangen Jahren um 20 Prozent gesunken. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fehlten Arbeitnehmer durchschnittlich 3,6 Arbeitstage. Das ist der niedrigste Krankenstand in den alten Bundesländern seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970.

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