Sonntag, 24. Juli 2016

Tim O'Reilly Der Web-Meister

Tim O'Reilly ist Vordenker des modernen Internets. In seiner Ideenfabrik entstanden die erste kommerzielle Webseite und der Begriff Web 2.0. Gegenüber manager-magazin.de verrät der Trendsetter, wie er die Welt verändern will, wie Computer menschlicher werden - und weshalb er einen Brief von Börsenguru Warren Buffett nicht beantwortete.

Dresden - Tim O'Reilly kann nicht still sitzen. Immer noch scheint es in ihm zu brodeln. Eben noch war er auf der Bühne im Internationalen Congress Center Dresden hin- und hermarschiert. In der linken Hand hielt er ein Wasserglas, mit der rechten malte er nicht identifizierbare Figuren in die Luft. O'Reilly sprach über das Internet zum Mitmachen, das viel zitierte Web 2.0 - einen Begriff, den seine Ideenfabrik O'Reilly Media geschaffen hat. "Sie werden sehen", dozierte er vor dem Publikum des Dresdner Zukunftsforums, "in ein paar Jahren werden die Prinzipien des Web 2.0 absolut Mainstream sein".

Tim O'Reilly, Jahrgang 1954, gilt als Erfinder des Web 2.0, seitdem er im Jahr 2004 eine gleichnamige Konferenz organisiert hatte. Der Gründer und Geschäftsführer des Computer-Fachverlages O'Reilly Media in Kalifornien publiziert Bücher und entwickelt freie Software. Sein Weblog "O'Reilly Radar" befasst sich mit technologischen Trends. Gemeinsam mit Dale Dougherty stellte der gebürtige Ire 1993 die erste kommerzielle Webseite ins Netz, die er 1995 an AOL verkaufte. O'Reilly ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Inzwischen hätten Unternehmen, die den Dotcom-Crash Anfang des neuen Jahrtausends überstanden haben, begriffen: "Sie müssen die kollektive Intelligenz der User nutzbar machen". Auf der Seite "Threadless" beispielsweise können Nutzer über verschiedene T-Shirt-Motive abstimmen. Die Siegerhemden werden tatsächlich hergestellt - ihr Absatz ist also so gut wie garantiert. Für das Portal YouTube, das jeder User als Plattform für seine Videoclips nutzen kann, gilt sogar: "Die Anwender sind diejenigen, die die ganze Arbeit machen".

"Die Weisheit der Menschen" nutzen auch Softwareentwickler, die ihr eben fertiggestelltes Produkt sofort Millionen von Anwendern zugänglich machen. Spontane User-Feedbacks ersetzen somit langwierige Testphasen. "Das Internet", so lautet eine von O'Reillys zahlreichen Schlussfolgerungen, "ist nicht nur ein Zusatz zum PC. Das Internet ist die Basis."

Nun sitzt Tim O'Reilly in einem engen Hinterzimmer der Kongresshalle. Er bewegt seinen Oberkörper mal nach vorne, mal wieder zurück, als wolle er am liebsten gleich aufstehen und wieder herumlaufen. Der gebürtige Ire trägt ein schwarzes Polohemd mit O'Reilly-Stickerei auf der Brust, darüber ein braunes Sakko. Rein äußerlich wirkt der Web-2.0-Vordenker schlicht und zurückhaltend. Die Ansprüche des Hobby-Farmers aus Kalifornien sind jedoch eher unbescheiden. Mit seinen Büchern, Magazinen und Konferenzen will Tim O'Reilly die Welt verändern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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