Montag, 23. Oktober 2017

Ubermorgen.com Künstler ärgern Google

Webaktivist Hans Bernhard legt sich gerne mit den Goliaths der Netzwelt an. Jetzt hat er Google im Visier. Seine Künstlergruppe kauft Aktien des Unternehmens - von Geld, das eigentlich Google gehört. So soll sich die Suchmaschine innerhalb von 202 Millionen Jahren selbst auffressen.

Wien - Der Ton des Briefs ist freundlich, aber bestimmt. Man sei kürzlich auf das Projekt "Google will eat itself" aufmerksam geworden, schreibt Arndt Haller von der Rechtsabteilung der deutschen Google-Niederlassung. Und obwohl man sich "sehr wohl bewusst" sei, dass es sich um ein Kunstprojekt handele, wolle man die Macher des Projekts "rein vorsorglich" vor einem Verstoß gegen die Vertragsbedingungen von Googles Anzeigenprogramm Adsense warnen.

Vision:
Google erledigt sich selbst
Worum geht es? Der Österreicher Hans Bernhard und seine Kollegen von der Künstlergruppe Ubermorgen.com generieren seit einiger Zeit Anzeigeneinnahmen. Sie legen Webseiten an und lassen Googles Adsense-Programm darauf Anzeigen platzieren. Dann klicken sie als vermeintliche Websurfer auf die Annoncen - worauf Google dem Inhaber der Seiten, also der Künstlergruppe selbst, eine Provision für den erfolgreichen Klick des angeblichen Interessenten zahlt. "Bei den über 50 Adsense-Accounts die wir haben, kommt so eine nicht unbeträchtliche Summe pro Monat zusammen", sagt Hans Bernhard.

Klickbetrug kann teuer werden

Wenn Betrüger und nicht Künstler so etwas tun, spricht man gewöhnlich von Klickbetrug. Ein Phänomen, auf das Suchmaschinenbetreiber dünnhäutig reagieren, steht doch für sie einiges auf dem Spiel. So zahlte Google kürzlich in einem Vergleich Werbekunden eine Entschädigung von gut 70 Millionen Euro. Deren Vorwurf: Der Konzern habe zu wenig gegen betrügerische Klicks getan. Dadurch hätten die Anzeigenkunden zu hohe Rechnungen präsentiert bekommen. Verlässliche Schätzungen, wie groß der Schaden durch Klickbetrug tatsächlich ist, sind schwer zu bekommen.

Doch im Falle von "Google will eat itself" wollen sich die Netz-Künstler, zu denen auch die Italiener Alessandro Ludovico und Paolo Cirio gehören, vom erklickten Geld kein angenehmeres Leben machen. Stattdessen verwenden sie die Einnahmen, um Google-Aktien zu kaufen. Ihr Ziel: Die Suchmaschine soll sich selbst auffressen. Läuft alles weiter wie bisher, müsste das hochgerechnet in gut 202 Millionen Jahren so weit sein. Das jedenfalls sagt der Zähler auf der eigens dafür eingerichteten Website des Projekts.

Bernhard hat eine Faible für die Goliaths im Internet. Der Künstler und seine Kollegen legen sich auch mit dem Medienhaus Amazon Börsen-Chart zeigen an. Mit einem 10.000-Euro-Stipendium des Edith-Ruß-Hauses für Medienkunst im niedersächsischen Oldenburg im Hintergrund will Ubermorgen.com dort bald haufenweise Bücher stehlen – allerdings nur virtuell.

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