Sonntag, 20. Mai 2018

Hewlett-Packard Carly auf Darwins Spuren

2. Teil: Wie Carly ihre Chance nutzte

Wie Carly ihre Chance nutzte

Anders die HP-Chefin: Fiorina sah ihre Chance für radikale Veränderungen und setzte als erstes einen Lohnverzicht bei ihren Mitarbeitern durch.

Professor Christian Scholz lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlands in Saarbrücken und ist Autor des Buchs "Spieler ohne Stammplatzgarantie. Darwiportunismus in der neuen Arbeitswelt", Wiley VCH, Weinheim 2003.
Doch das reichte noch nicht, um wirklich Bewegung ins Spiel zu bringen - bis Fiorina mit einer Überraschung aufwartete: Zum Erstaunen des "New York Stock Exchange Magazine" folgte sie nicht dem üblichen Weltbild der Mechanik. Sie zeichnete also weder Kästchen und erfand auch keine neuen Beurteilungssysteme.

Fiorina folgte auch nicht dem bei HP üblichen Vorgehen, sich mit der Kultur des Unternehmens zu beschäftigen und sie im allgemeinen Konsens weiterzuentwickeln.

Nein, sie wählte die in der Palette der Managementperspektiven seltene "organische Sichtweise". Und damit war wieder Charles Darwin im Spiel, vor allem seine harmlos klingende Evolutionsfolge Variation - Selektion - Retention.

"Wer nicht mithält, muss eben gehen"

Das Ergebnis ist bekannt: Fiorinas schlagende Idee der Fusion mit dem vormaligen Konkurrenten Compaq, die sie gegen den erbitterten Widerstand der HP-Erben durchsetzte. Jetzt musste jeder beweisen, wie gut er sich anzupassen vermochte, denn auf die Variation - Compaq mit diversen Veränderungen des Systems in Richtung eines verschärften internen Wettbewerbs zu trimmen -, folgte die Selektion in Form von Entlassungen. Insgesamt wurden im Gesamtverbund HPs rund 18.000 Jobs gestrichen.

Oder wie Fiorina offen und pointiert sagte: "Wer nicht mithalten kann, muss eben gehen." Die Mitarbeiter, die übrig blieben, verstanden die neue Sprache und akzeptierten das neue System. Sie alle bildeten nun die neue, beinahe schon feudalistische Struktur, in der es die Chance zum ausgelebten "Opportunismus" fast nur noch an der Unternehmensspitze gibt. Zumindest war zu hören, dass Fiorina und Compaq-Chef Michael Capellas in den beiden Jahren nach der Fusion insgesamt 115 Millionen Dollar an "Sonderleistungen" erhalten sollten.

Selbst der Gründerenkel ist "displeased"

An diesem Spiel hätten Charles Darwin sowie alle Evolutionstheoretiker ihre wahre Freude gehabt, da das Ergebnis den theoretischen Vorhersagen entspricht. Denn jetzt hatte sich unter anderem eines geändert: In diesem Spiel haben Mitarbeiter keine Stammplatzgarantie mehr.

Da kann sich selbst David W. Packard, einer der beiden Gründerenkel, für "displeased" mit der neuen HP-Politik erklären und "quite unhappy" über die Fünf-Prozent-Regel sein, nach der Low-Performern ein Verlassen des Unternehmens nahe gelegt wird - am darwinistischen Management von Carly Fiorina ändert es nichts mehr. Vielleicht ist dies aber noch nicht das Ende der Entwicklung.

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