Freitag, 23. Februar 2018

Silicon Valley "Money first, people second"

An keiner US-Wirtschaftsregion zehrt die Misere der New Economy derart stark wie am Silicon Valley. Während Arbeitnehmer die nächste Entlassungswelle fürchten, sehen Unternehmer den Kehraus als positives Signal für die Region.

San Francisco - Das Timing hätte kaum besser sein können. Marcus Ronaldi, Veranstalter zahlreicher "Pink Slip"-Partys in der San-Francisco-Bay-Area, hatte für letzten Donnerstag wieder eine seiner Entlassungsfeten anberaumt. Und prompt waren einige Tage zuvor erneut Tausende Massenkündigungen im Silicon Valley ausgesprochen worden.

"Pink Slip"-Partymacher Marcus Ronaldi mit Neu-Arbeitsloser: Entlassungsevents bis zum Ende der Flaute
Bereits in der Vorwoche drängten sich 750 Neu-Arbeitslose und Jobvermittler aus der Internet-Industrie zum Austausch von Lebensläufen und Visitenkarten in der San Franciscoer "Sound Factory". Vergangene Woche zählte Ronaldi in Sunnyvale nun mindestens genauso viel Publikum. "Tausende aus der Hightech-Branche sind entlassen worden und suchen einen neuen Job", erklärt Ronaldi. "Und da es dabei nicht viel zu lachen gibt, versuchen wir den Geschassten mit unseren Partys wenigstens etwas Fun und gleichzeitig eine neue Stelle zu vermitteln."

Massenentlassungen im Valley

Bereits eine kleine Auswahl der Schreckensmeldungen der letzten Tage erklärt Ronaldis Erfolg: Der Glasfaser-Multi JDS Uniphase entlässt 5000 Mitarbeiter - mindestens 1000 davon im Silicon Valley und in Santa Rosa. Zwei bis drei Filialen in San Jose sollen komplett geschlossen werden. Dabei hatte JDS bereits vergangenen Monat angekündigt, 3000 Stellen zu streichen.

Sun Microsystems hat Anfang letzter Woche dem Gros seiner 40.000 Mitarbeiter für Juli fünf Tage unbezahlten Zwangsurlaub verordnet. Cisco erhöht sein Entlassungskontingent auf 8500 Angestellte, Silicon Graphics trennt sich von 1000 Mitarbeitern, Hewlett-Packard streicht 3000 Manager-Stellen - und diese Zahlen markieren nur die Spitze des Eisbergs.

Todesanzeigen auf den Wirtschaftsseiten

Die unzähligen kleinen Companies der Region kürzen ihr Personal unter wesentlich weniger Medienrummel. Als vergangene Woche etwa der Palo Altoer Softwarehersteller Tibco die Kündigung von 200 Angestellten oder Nuance Communications in Menlo Park die Entlassung von 470 Mitarbeitern ankündigten, sorgte das selbst bei Valley-Medien kaum noch für Schlagzeilen. Seit Monaten lesen sich die Wirtschaftsseiten des "San Francisco Chronicle" und der "San Jose Mercury News" wie Todesanzeigen. Für die einzigen wirklich positiven Headlines der letzten Wochen sorgte mit Microsoft ausgerechnet ein Unternehmen aus Washington: Der Redmonder Softwareriese eröffnete Ende März offiziell sein neues Silicon Valley Technology Center.

Denise Sangster, CEO und Präsidentin von Globaltouch: Money first, people second lautet die Valley-Devise
Denise Sangster, CEO und Präsidentin von Globaltouch: Money first, people second lautet die Valley-Devise
Schreckensbilanz: 369 Web-Pleiten, 51.500 geschasste Dotcommies

Unter Arbeitnehmern geht im Hightech-Mekka längst die blanke Angst um. Im April war der Personalvermittlung Challenger, Gray & Christmas zufolge mit 17.500 Entlassungen in Internet-Unternehmen erneut ein trauriger Negativrekord aufgestellt worden. Seit Januar haben 51.500 Dotcom-Worker ihren Job verloren. Bis Ende März sind gemäß Studien von Webmergers.com 369 amerikanische Web-Firmen eingegangen.

"In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Lage erneut deutlich zugespitzt", erklärt Webmergers-CEO Tim Miller. "Ich denke aber, dass das Schlimmste bald überstanden ist und es wieder bergauf geht." Seinen Optimismus stützt Miller darauf, dass die Tech-Branche momentan einfach einen notwendigen Abschwung erlebe. "Und das ist sogar sehr positiv für das Valley, darüber herrscht breiter Konsens hier", erklärt Miller. "Der ganze Sektor war doch total überfinanziert."

Die Zyklen der Wirtschaft

Auch Denise Sangster, CEO und Präsidentin der Tech-Consulting-Gruppe Globaltouch in Berkeley, sieht die derzeitige Situation nur wenig beängstigend: "Ich würde die Entwicklung nicht Rezession nennen", erklärt Sangster. "Die Wirtschaft hat eben ihre Zyklen, und daher sind die Massenentlassungen etwas völlig Normales." Für Europäer sei dies allerdings nur schwer nachzuvollziehen, der Unterschied der Mentalitäten und Kulturen - sprich der "Cultural Divide" - zwischen Europa und den USA sei dafür einfach zu groß. "Unsere europäischen Kunden sind wesentlich besorgter um die Lage im Valley als die Unternehmer hier", so die Globaltouch-Chefin. "Dabei geht es in erster Linie doch ums Geld - 'money first, people second' ist nun mal die Valley-Devise."

"Wie schnell können wir wachsen", lautete in den letzten Jahren analog dazu der "Silicon Way of Life" unzähliger junger Tech-Companies. Doch Start-up-Unternehmer und Investoren in Nordkalifornien glaubten zu lange, das Netz werde über Nacht die Welt verändern. Nun ist die Internet-Seifenblase geplatzt und damit die Online-Anfangseuphorie der Ernüchterung gewichen - und mit ihr die rastlose Energie junger Dotcom-CEOs und Online-Jünger in der Bay-Area. Der Innovationsmotor der Hightech-Branche, der seit den frühen achtziger Jahren Erfolgsgeschichten wie Apple, Intel, Oracle, Cisco, Sun Microsystems, Hewlett-Packard oder auch Yahoo und eBay schrieb, ist ins Stottern geraten. Eine große Zahl gehypter Dotcoms ist tot, die großen Tech-Konzerne bluten kräftig.

Teil 2: Der absehbare Crash

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