Sonntag, 25. Juni 2017

Marchfirst "In stürmischer See"

Internet-Berater kämpfen ums Überleben - auch der Branchenriese Marchfirst. Das belegt eine interne Durchhalte-Mail, die manager-magazin.de vorliegt.

Hamburg - Wolfgang Zillessen ist ein seriöser Herr in den besten Jahren. Doch wenn der Deutschland-Geschäftsführer der Internet-Beratung Marchfirst seine Visitenkarten zückt, dann erwacht der Primaner in ihm.

Mit bübischem Grinsen entfaltet Zillessen gleich einen ganzen Fächer von Karten in allen Farben des modisch ambitionierten Regenbogens: Curry, Mintgrün, Orange.

"Suchen Sie sich eine aus", sagt Zillessen und freut sich bübisch über die gelungene Überraschung. Die Farbenpracht soll signalisieren: Achtung! Marchfirst ist keine normale Unternehmensberatung.

Die knapp 10.000 Marchfirst-Mitarbeiter sind einst mit dem Anspruch angetreten, als Erste ein volles Web-Beratungsspektrum abzudecken: Zunächst liefern sie dem Kunden eine neue Internet-Strategie. Anschließend den Techniker, der die Rechner anschließt. Dann den Web-Designer, der einen passenden Internet-Auftritt programmiert. Und zum Schluss die klassische Werbekampagne, die hilft, das Ganze zu verkaufen.

Wegbrechendes Start-up-Geschäft

Doch Marchfirst steckt - wie die ganze Branche - in Schwierigkeiten: Das wegbrechende Geschäft mit den Internet-Start-ups hat Marchfirst in den USA die Bilanz verhagelt.

Der Umsatz von Marchfirst fiel im vergangenen Quartal, der operative Gewinn schrumpfte auf eine schwarze Null. Die Barreserven sanken auf gefährlich niedrige Werte. Um die Pleite abzuwenden, braucht Marchfirst bis zum Frühjahr 2001 zwei Finanzspritzen von jeweils 50 Millionen Dollar.

Die Marchfirst-Aktie stürzte ob all dieser Hiobsbotschaften ab. War das US-Papier vor einem halben Jahr noch 25 Dollar wert, dümpelt es derzeit deutlich unter zwei Dollar. In Frankfurt brach der Titel ebenso dramatisch ein (siehe Marchfirst - Chart Frankfurt).

Konzentration auf Großkunden

Jetzt will Vorstandschef Robert Bernard retten, was noch zu retten ist, indem er das Beratungsgeschäft auf profitable Großkunden beschränkt. Für das laufende Quartal rechnet er mit einem tiefroten Ergebnis. Ein Zehntel der Marchfirst-Belegschaft muss das Unternehmen verlassen.

Zillessens Durchhalte-Mail an die Marchfirst-Mitarbeiter
In einer internen Rund-Mail an alle Mitarbeiter räumte Deutschland-Chef Zillessen Ende November den Ernst der Lage ein.

Bislang schienen diese Schwierigkeiten vor allem ein amerikanisches Phänomen zu sein. Wolfgang Zillessen betont gerne, dass in Deutschland die Marchfirst-Umsätze weiter wachsen. Doch auch in der deutschen Marchfirst-Organisation brodelt es.

Gründungsfehler lasten schwer

Zudem mehren sich die Stimmen, die den Zusammenschluss der verschiedenen Beratungssparten grundsätzlich für misslungen halten.

Die Ursachen für diese Misere liegen in der Entstehung der Firma. Im Oktober 1999 hatte sich zunächst die Internet- und Werbeagentur USWeb/CKS mit der auf die Finanzbranche spezialisierten Unternehmensberatung Mitchell Madison Group (MMG) zusammengeschlossen. Ihr Tagesgeschäft betrieben beide Unternehmensteile weiter unabhängig voneinander, kooperiert wurde nur bei einzelnen Projekten.

Das änderte sich, als im März 2000 ein dritter Partner hinzukam: Whittman-Hart, ein Beratungsunternehmen für Informationstechnologie (IT), das in Deutschland nicht präsent war. Das fusionierte Unternehmen nennt sich seitdem Marchfirst.

Kampf der Firmenkulturen

Der von Whittman-Hart übernommene Vorstandschef Robert Bernard versuchte, Marchfirst durch eine straffe Organisation auf mehr Umsatz zu trimmen: Er entmachtete die regionalen Büros der einzelnen Beratungs-Sparten.

mm.de
Die Strategieberater von MMG fühlen sich seitdem als Drückerkolonne missbraucht. Sie sollen ihren Zugang zu den Vorstandsetagen der Konzerne dazu nutzen, Anschlussgeschäfte für die IT-Experten und Web-Designer hereinzuholen. Eine Zumutung, muffeln die elitären Strategen, die sich gerne in einer Liga mit den Strategieberatern von McKinsey und Boston Consulting sehen.

In den früheren USWeb/CKS-Büros fühlen sich im Gegenzug die Internet-Tüftler gegängelt und zu reinen Erfüllungsgehilfen des Strategiegeschäfts degradiert. Ein Kleinkrieg, dessen Folgen inzwischen auch die Kunden spüren.

Führungskräfte springen ab

Wolfgang Zillessen wurde den bisher eigenständigen Büros in Hamburg, Düsseldorf (beide USWeb/CKS) und Frankfurt (MMG) als Deutschland-Geschäftsführer vorgesetzt. Zillessen, zuvor Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL), warb acht seiner ehemaligen ADL-Kollegen ab. Gegen diese hochbezahlten Importe richtet sich nun der aufgestaute Unmut der ehemaligen MMG- und USWeb/CKS-Mitarbeiter.

Von den 300 deutschen Marchfirst-Angestellten verließen seit März etwa 50 das Unternehmen, darunter die beiden früheren Deutschland-Geschäftsführer von USWeb/CKS, Roland Tetzlaff und Kai Petersen. Eine Reihe von weiteren Führungskräften sieht sich zurzeit nach neuen Jobs um.

Christian Rickens

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