Freitag, 27. Mai 2016

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Hamburger Fintech-Start-up Kreditech und der reiche Investor aus Amerika

Peter Thiel: Der deutschstämmige Multimilliardär soll lediglich einen einstelligen Millionenbetrag in Kreditech investiert haben

Was für eine Nachricht: Der Paypal-Mitgründer und Multimilliardär Peter Thiel soll einen zweistelligen Millionenbetrag in das umstrittene Hamburger Kredit-Start-up Kreditech investiert haben. So lief es heute über den Ticker der Nachrichtenagentur Reuters. In der Firmenzentrale am Rödingsmarkt war die Freude groß, Kreditech-Gründer und CEO Sebastian Diemer setzte eine enthusiastische Mail an seine Mitarbeiter auf und kündigte eine große Party an. Insgesamt 40 Millionen Euro soll Kreditech laut CFO René Griemens im Rahmen einer dritten, noch nicht abgeschlossenen Finanzierungsrunde bereits eingesammelt haben.

Nach Informationen von manager-magazin.de ist der heutige Jubel jedoch nicht ungetrübt: Kreditech, das derzeit vor allem teure Kurzzeitkredite (payday loans) im Angebot hat, soll demnach Probleme damit haben, neue Geldgeber von der Zukunft seines Geschäftsmodells zu überzeugen. Deshalb sei die ursprünglich bereits für Februar angekündigte Finanzierungsrunde noch immer nicht abgeschlossen und ihre Summe könnte auch geringer ausfallen als die Anfang des Jahres verkündeten 100 bis 150 Millionen Euro.

Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, habe Peter Thiel zwar in das Start-up investiert, aber lediglich einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Der Großteil der von Griemens verbreiteten 40 Millionen stamme vielmehr von Alt-Investoren, die dem Unternehmen das Geld als Brückenfinanzierung zur Verfügung gestellt haben sollen.

Gestern Abend hatte manager magazin Kreditech um eine ausführliche Stellungnahme gebeten, etwa 18 Stunden danach erschien die Nachricht von Reuters. Das passte gut, denn ein Investment von Tech-Visionär Thiel kommt in der Szene einem Ritterschlag nahe - und könnte schlechte Nachrichten überdecken.

Diemer einer "der am härtesteten arbeitenden Mitarbeiter"

In seiner Stellungnahme an manager-magazin.de dementiert CFO Griemens zahlreiche der Informationen: Er nannte den in Zusammenhang mit Thiel genannten niedrigen, einstelligen Millionenbetrag "falsch" und schrieb von einer "sehr hohen Nachfrage" im Rahmen der Finanzierungsrunde. Kreditech wolle die Runde in "aller Ruhe" abschließen. Der Großteil des bislang eingesammelten Geldes stammt laut Griemens von neuen Investoren. Peter Thiel ließ eine Anfrage von manager-magazin.de zur Höhe seiner Investition in Kreditech unbeantwortet.

Dabei muss das Start-up auch fernab der Finanzierungsfrage um die konstruktive Atmosphäre fürchten. So war der Arbeitsethos von CEO Diemer zuletzt beliebtes Thema unter den rund 200 Mitarbeitern: Der Motocross-Fan soll sich immer mal wieder den Mittwoch zum Motorradfahren frei genommen haben. Gegenüber Mitarbeitern habe er diese Praxis lapidar als "Home Office" abgetan. Erst nach der Ermahnung eines Führungskollegen habe Diemer, der selbst von seiner Belegschaft bedingungslosen Einsatz fordert, sein Verhalten geändert. CFO-Griemens tut diese Informationen in seiner Stellungnahme gegenüber manager-magazin.de als Anfeindung ab, Diemer sei einer "der am härtesteten arbeitenden Mitarbeiter" des Unternehmens.

Kreditech, 2012 gegründet, gilt als eines der größten Finanz-Start-ups (Fintech) in Deutschland. Die Firma vergibt über Tochtergesellschaften in Ländern wie Spanien oder Polen hauptsächlich Kurzzeitkredite über geringe Summen an Privatkunden. Zuletzt nahm die Firma auch Prepaid-Karten und konventionelle Kredite ins Angebot. Auf die wegen der hohen Zinsen (bis zu 35 Prozent im Monat) umstrittenen Kleinkredite will das Unternehmen ab 2016 verzichten. Kreditech wirbt damit, automatisiert und innerhalb von rund 15 Minuten über die Bonität eines Antragstellers zu entscheiden. Dazu werten Algorithmen bis zu 20.000 Einzelinformationen aus, zum Beispiel das Kaufverhalten bei Amazon oder die Struktur des Facebook-Freundeskreises. Erst im Januar hatte das Start-up 200 Millionen Dollar eingeworben, die es zur Kreditvergabe nutzen wollte. Die letzte Finanzierungsrunde fand im Juni 2014 statt, damals gab es rund 40 Millionen Euro. Das Start-up strebt an die Börse und ist Mitglied im Deutsche Börse Venture Network.
Zwei seiner hochrangigen Ex-Mitarbeiter sehen ihr Potential trotzdem woanders besser aufgehoben: Sie bauen gerade in Berlin einen neuen Wettbewerber auf. Die beiden ehemaligen Kreditech-Manager Oliver Schimek (Ex-CIO) und Daniel Schlotter (Ex-CMO) werkeln dort nach Informationen von manager-magazin.de bereits seit mehreren Monaten an einem Projekt namens "Crosslend", mit dem sie ebenfalls auf das Geschäft mit Onlinekrediten zielen. Noch in diesem Sommer soll das Unternehmen offiziell an den Start gehen. Zu den Investoren gehört etwa der renommierte Wagniskapitalgeber Lakestar, der von dem Facebook-Investor und Ex-AOL-Vorstand Klaus Hommels gegründet wurde.

Die Zukunft von Kreditech wird wohl auch davon abhängen, ob das Start-up es wie angekündigt schafft, sich von den umstrittenen Kurzzeitkrediten zu lösen. Ab 2016 will das Unternehmen keine neuen Darlehen dieses Typs mehr ausgeben, für die es bis zu 35 Prozent Zinsen im Monat verlangt. Beobachter sehen dieses Geschäftsmodell unter anderem durch eine zunehmende Regulierung bedroht. Künftig soll dafür bei Kreditech das Geschäft mit niedriger verzinsten Langzeitkrediten wachsen.

Datendiebstahl: Dieses Start-up wurde mit geklauten Daten erpresst

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