Von Marleen Gründel
Hamburg - Einen Tag vor der "Outreach-Afrika"-Sitzung des G8-Gipfels stellte die internationale Initiative "One Laptop per Child" (OLPC) am Donnerstag am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam zwei Prototypen ihres 100-Dollar-Laptops vor. Mit dem Gerät will IT-Guru Nicholas Negroponte, Urheber des Projekts und Gründer des Media Lab am Massachussetts Institute of Technology (MIT), die "digitale Kluft" zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verringern.
Seine Idee ist es, Millionen von armen Schulkindern mit den Lerncomputern namens XO auszustatten und ihnen auf diese Weise Zugang zum Wissen dieser Welt zu verschaffen. Der Laptop soll den Kindern dabei helfen, kreativ zu sein und leichter zu lernen.
Da Kinder in Entwicklungsländern allerdings erfahrungsgemäß über wenig bis gar kein Geld verfügen, soll der Rechner nicht über den normalen Handel, sondern über die jeweiligen Staatsregierungen in die kleinen Kinderhände der gelangen. Die Regierungen sollen die Geräte kaufen und anschließend über die Schulen an die Kinder verteilen.
Robustes Spielzeug
Produziert wird der XO von dem taiwanesischen Hersteller Quanta, einem der größten Auftragsfertiger von tragbaren Computern. Mit seinem weiß-grünen Design und dem klobigen Handgriff sieht der Kinderrechner fast wie ein Spielzeug aus - und soll zumindest ähnlich robust sein. Dafür sorgen unter anderem Flashspeicher, die in den Geräten anstelle einer Festplatte eingebaut sind.
Jeder Laptop ist zudem mit einem drahtlosen Internetzugang ausgestattet, durch den die Rechner miteinander vernetzt werden können. Darüber soll es möglich sein, ein digitales Schulbuch, das auf einem zentralen Klassencomputer gespeichert ist, allen Kindern zugänglich zu machen.
Auch an das Problem, dass Strom in Entwicklungsländern eher Mangelware ist, wurde gedacht. Einerseits verbraucht der Kinderrechner nur wenig Energie und kann bis zu zehn Stunden lang verwendet werden, ohne dass das Gerät nach einer Steckdose schreit. Andererseits kann jeder Rechner mithilfe einer Art Jojo wieder aufgeladen werden. Dabei soll nach Angaben der Hersteller eine Minute Jojo-Aufziehen für zehn Minuten arbeiten reichen.
100-Dollar-Laptop für 175 Dollar
Die ersten Rechner werden voraussichtlich im Oktober an die einzelnen Länder ausgeliefert. Bis jetzt sind laut OLPC bereits vier Millionen Geräte unter anderem von Nigeria, Libyen, Brasilien und Thailand vorbestellt worden. Mindestens drei Millionen Laptops müssten definitiv geordert werden, damit sich die Produktion der Geräte auch wirklich rechnet.
Ewiger Konkurrenzkampf: Nachdem sich OLPC für AMD als Chiplieferant entschieden hatte, baute Intel seinen eigenen Billiglaptop
Doch auch mit diesem Preis ist der Kinderrechner immer noch vergleichsweise günstig. Möglich wird das beispielsweise durch den Verzicht auf Distributionskosten. "OLPC muss für den Laptop keine Werbung schalten oder Provisionen an Zwischenhändler geben, so dass bis zu 50 Prozent der eigentlichen Kosten eingespart werden können", erklärt Softwareingenieur Bert Freudenberg, der den Laptop mit entwickelt hat, gegenüber manager-magazin.de. Außerdem würden durch die Verwendung von Linux als Betriebssystem zusätzliche Gelder eingespart.
"Rein technisch gesehen könnte auch Windows auf dem XO laufen, der Aufwand ist aber deutlich höher", so Freudenberg. Das Betriebssystem von Microsoft benötigt viel mehr Arbeitsspeicher, der auf dem Gerät mit seinem ein Gigabyte großen Flashspeicher einfach nicht vorhanden ist.
Störenfried Intel
Ob der Kinderrechner das Ziel, die digitale Kluft zwischen Arm und Reich zu vermindern, wirklich erreichen kann, ist allerdings fraglich. Vor allem in den USA werden inzwischen zunehmend mehr Laptops wieder aus den Klassenzimmern verwiesen, weil sie dem Unterricht eher schaden denn nutzen. Statt sich mit dem Lehrmaterial zu beschäftigen, treiben viele Schüler lieber Unfug mit ihrem Rechner und hacken sich beispielsweise in die Seiten regionaler Unternehmen ein.
Ein weiterer Knackpunkt ist die Auswahl der Programme. Gekauft werden die Rechner von den Regierungen der Entwicklungsländer, die dann darüber entscheiden, welche Inhalte auf die Geräte gespielt werden. Das "Wissen der Welt" kann somit im Sinne des jeweiligen Staatsoberhauptes beeinflusst werden.
Und noch einer stört die ehrenwerten Ziele der Initiative: Intel . Der amerikanische Chipkonzern stellte vor Kurzem gemeinsam mit dem taiwanesischen Computerkonzern Asustek seine eigene Version eines Billiglaptops vor, allerdings für den doppelten Preis. Der blaue "Classmate PC" soll anders als der weiß-grüne XO über den Handel verkauft werden und das bereits ab Juli oder August.
"Intel sollte sich schämen"
Das an sich wäre nicht das Problem. "Wir können zufrieden sein, wenn Unternehmen ähnliche Initiativen starten", kommentiert Freudenberg Intels Vorstoß. Schließlich wolle OLPC ja keine Rechner verkaufen, sondern einfach nur Bildung in Entwicklungsländer bringen.
OLPC-Initiator Negroponte fand für das vorgehen des US-Konzerns noch deutlichere Worte. "Intel sollte sich schämen", sagte der IT-Guru gegenüber dem Nachrichtensender BBC. Der Chiphersteller habe seiner Mission enorm geschadet. Intel-Vertriebschef Sean Maloney sieht das naturgemäß ganz anders. "Der Classmate PC ist einfach nur eine andere Möglichkeit, das gleiche Problem zu lösen", so der Manager.
Entwicklungshilfe für die USA
Welche Motivation auch immer hinter Intels Vorstoß steckt, klar ist jedenfalls, dass das höchste Wachstum bei PC-Verkäufen bald in den Entwicklungsländern erzielt werden wird. Schließlich sind die Märkte in den Industriestaaten schon so gut wie gesättigt.
Die USA hält diese Tatsache jedoch nicht davon ab, sich ebenfalls um den Kinderrechner zu bemühen. Mehrere US-Bundesstaaten haben bereits angefragt, ob sie den Rechner ebenfalls erwerben dürfen. Offenbar braucht auch der mächtigste Staat der Welt noch Entwicklungshilfe.
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