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20.07.2011
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Personenkult

Wie Apple-Chef Jobs von Mythen profitiert

Von Christian Rickens

Apple-Chef Steve Jobs auf der Bühne: "Wir lieben Dich!"-Rufe aus dem Publikum
REUTERS

Apple-Chef Steve Jobs auf der Bühne: "Wir lieben Dich!"-Rufe aus dem Publikum

Er wird bestaunt und bewundert: Apple-Chef Steve Jobs kann wieder einmal mit einem Rekordquartal glänzen. ESMT-Professor Konstantin Korotov sagt im Gespräch mit dem manager magazin, warum sich Jobs deshalb erlauben kann, seine Leute zu schikanieren - und dennoch jeder für ihn arbeiten möchte.

mm: Professor Korotov, der Apple-Gründer Steve Jobs wird von Mitarbeitern wie von Kunden geradezu abgöttisch verehrt. Dabei scheint Jobs alles andere als ein besonders liebenswerter Mensch zu sein. Es gibt unzählige Anekdoten darüber, wie er Untergebene schikaniert und Kunden bevormundet. Wie erklären sie sich diesen Widerspruch?

Korotov: Das ist kein Widerspruch. Bei Jobs und Apple handelt es sich um ein Lehrbuchbeispiel dessen, was wir "charismatischen Führungsstil" nennen. Ein charismatischer Anführer muss bewunderungswürdig sein, aber nicht unbedingt liebenswürdig. Charismatische Führerschaft entsteht ja, wenn Gefolgsleute darauf hoffen, durch ihre Nähe zum Anführer etwas zu bekommen, was sie sonst nicht kriegen können. Zum Beispiel, das Gefühl, zu einer gesellschaftlichen und technologischen Avantgarde zu gehören. Ein Kleinwenig vom vermeintlichen Genius eines Steve Jobs färbt ab auf jeden, der ein Apple-Produkt kauft und erst recht auf jeden, der für Apple arbeitet.

mm: Zugegeben, Apple baut recht ansprechende Elektrokleingeräte. Aber wie kann das den derzeitigen Jobs-Kult rechtfertigen? Auf der jüngsten Apple-Entwicklerkonferenz in San Francisco schrien die Zuschauer "Steve, wir lieben Dich!" als Jobs die Bühne betrat.

Korotov: Charismatische Führungsfiguren haben immer typische Eigenschaften, unabhängig davon, aus welcher Branche sie kommen, ob sie ein Unternehmen, eine Religionsgemeinschaft oder eine Partei führen. Sie müssen es erstens schaffen, eine attraktive Vision zu formulieren, der sich Gefolgsleute gerne anschließen. Ganz wichtig sind zweitens vermeintliche Wunder: Über die Vergangenheit charismatischer Führer kursieren immer die unglaublichsten Geschichten.

mm: Etwa Jobs Nahtoderfahrung, als er an vermeintlich tödlichem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit als heilbar herausstellte.

Korotov: Vermutlich zählt diese Begebenheit auch dazu, ja. Noch entscheidender erscheint mir bei Apple allerdings das Motiv von Vertreibung und Rückkehr: Wie Jobs 1985 den Chefposten in seiner eigenen Firma verlor, dann 1997 kurz vor der Pleite als Retter erschien und Apple zu nie gesehener Größe führte. Drittens gehört zum charismatischen Führungsstil eine gewisse Gnadenlosigkeit im Umgang mit all jenen, die den Anführer enttäuschen oder sich ihm widersetzen. Nur so lässt sich die typische Mischung zwischen Bewunderung und Furcht hervorrufen, die wir auch gegenüber einer Vaterfigur oder einem strengen Gott empfinden. Und schließlich viertens: Der Verstoß gegen Konventionen. Charismatische Führer machen Dinge anders, leben anders, sehen anders aus als durchschnittliche Angehörige der Führungselite - oder sie erwecken zumindest glaubhaft diesen Eindruck.

mm: Jobs schwarzer Rollkragenpullover als Führungsinstrument?

Korotov: Ganz genau, ebenso wie die Blue Jeans, die Turnschuhe von New Balance - nicht gerade eine Mainstream-Marke - und die Angewohnheit, bei Produkt-Präsentationen die eigentliche Neuheit erst ganz zum Schluss vorzuzeigen, eingeleitet mit dem ikonischen Satz "One more thing".

mm: Was bringt es Unternehmen eigentlich, einen charismatischen Anführer an der Spitze zu haben?

Korotov: Betriebswirtschaftlich betrachtet sieht die Sache ziemlich nüchtern aus: Im Vergleich zu anderen Unternehmern strengen sich die Mitarbeiter für weniger Geld mehr an. Die Gelegenheit, sich im Abglanz des Ruhmes des Anführers zu sonnen, bildet einen Teil der Vergütung. Darüber hinaus sind charismatisch geführte Unternehmen auf der Management-Ebene vergleichsweise stabil. Wer sich dem Anführer nicht unterordnen mag, ist schnell draußen, der Rest der Mannschaft bleibt meist lange an Bord. Man will sein Idol ja nicht enttäuschen. Und Entscheidungen des Anführers werden meist ohne langes Zögern umgesetzt.

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ESMT-Autor Konstantin Korotov ist Associate Professor an der ESMT. Seine Unterrichts- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Organizational Behavior, Führungs- und Personalmanagement.

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