Von Konrad Lischka
Auf dem Vertriebskanal Überallgerät (um es mal nicht Tablet, iPad oder Smartphone zu nennen) wird also mit Sicherheit mehr Vielfalt, aber auch mehr Wettbewerb herrschen. Wer jetzt darauf hofft, mit Apps beim Konsumenten zu kassieren, für den ist es höchste Zeit, sich zu überlegen:
Der Common Sense in der Medienbranche ist gerade: Man kann für digitale Inhalte künftig Geld verlangen, sobald es neue, bessere Endgeräte gibt - nachdem die Leser im Internet bisher kaum zum Zahlen bereit sind. Zeitungs- und Magazinverlage hoffen, dass Apple
mit dem iPad diese Revolution gelingt. Das ist nicht ausgemacht, aber auch nicht völlig abwegig.
Wenn denn das Angebot stimmt.
Die "Essenz des Zeitunglesens" wird da wohl nicht reichen. Wenn die neue Technik so einschlägt, wie sich die Hersteller das vorstellen, sind iPads, künftige Google-Netbooks und Kindles wohl keine Lese-, sondern Guck-, Klick- und Sonstwas-Geräte mit Bewegtbildern und irgendwann auch langen Akkulaufzeiten. Und das bedeutet vor allem für journalistische Onlineangebote einen Umbruch.
Bisher werden sie werktags vor allem im Büro am Schreibtisch gelesen. Die Menschen suchen bei ihnen einen schnellen Überblick mit den wichtigsten Nachrichten und klarer Einordnung.
Anders bei Überallgeräten, die gut, leicht, billig, genügsam und kontrastreich genug sind, um auch im Zug, Bett oder Park, auf dem Sofa oder der Wiese und am Strand genutzt zu werden. Da können andere Darstellungsformen und Themen Zuspruch finden.
Die Essenz der Zeitung ist guter Journalismus - nicht Text
Wie die Nutzungsumgebung die Nachfrage verändert, merkt man heute schon bei Online-Videos. Sie werden im Vergleich zum übrigen Internetangebot besonders gern am Abend abgerufen. Eben nicht am Schreibtisch.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Menschen jetzt Fernsehen im Web sehen wollen. Wer digitale Inhalte nutzt, will zwar nicht ständig interagieren und irgendwas anklicken - aber er will die Möglichkeit dazu haben, wenn es ihm in den Sinn kommt. 15 Minuten Internet-Tagesschau zum Stillsitzen und Zugucken sind wohl nicht das ideale Medienangebot für iPad-Nutzer. Da sieht die iPad-Anwendung von MLB schon attraktiver aus, die Text und Video zu einer neuen interaktiven Darstellungsform verbindet.
Sollen nun alle Medienunternehmen diese Darstellungsform übernehmen? Sicher nicht. Das Beispiel zeigt vor allem, dass jetzt Kreativität gefragt ist.
Die Essenz der Zeitung ist guter Journalismus. Wie er auf Überallgeräten wie dem iPad funktionieren kann, ist eine drängende Frage - die mindestens genauso wichtig ist wie die Frage nach Vertriebserlösen.
© manager magazin online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH