Von Frank Patalong
Ziel solcher Produktionen ist es, zu inspirieren, zu irritieren oder zu amüsieren - und Menschen dazu zu bringen, freiwillig die Aufgabe der weiteren Verbreitung zu übernehmen. Denn nur darauf kommt es an, nur das ist das Erfolgsgeheimnis eines guten YouTube-Filmes: Er muss entweder Bedürfnisse gezielt befriedigen (wie ein Musikvideo), Debatten provozieren oder das Bedürfnis der Weitergabe wecken - so entstehen virale Filme. Wie so etwas aussehen kann, führen "ImprovEverywhere" mit ihrem Supermarkt-Musical vor, Platz 17 der aktuellen Wochencharts von YouTube.
Dieser Film spricht dort trotz seines kurzen Formats für sich selbst. Er braucht keinen Rahmen, keine Präsentation, keinen zwanghaft lustigen Moderator, keine redaktionelle Deutung oder Kommentierung. Deshalb wirkt er unmittelbarer, echter. Was hier an Kommentaren läuft, ist direkte Kommunikation zwischen Machern und Publikum sowie Diskurs der Zuschauer untereinander.
Das ist eine neue TV-Qualität, die auch bei längeren Formaten funktioniert. Längst ist die "Webisode", das für das Netz produzierte TV-Stück, in der amerikanischen Medienlandschaft ein Standard. Web-Soaps florieren nicht nur bei YouTube, sondern auch auf sendereigenen Seiten. Die Sci-Fi-Serie Galactica sahen TV-Zuschauer in Deutschland immer nur halb, weil zu den im Fernsehen ausgestrahlten 45-Minuten-Folgen auch die kürzeren Online-Episoden gehörten.
Das ist kein Einzelfall. Ab Januar 2010 wird auch die BBC dreimal wöchentlich Episoden ihrer populären Soap "Eastenders", quasi das britische Äquivalent zur endlosen Lindenstraße, nur über das Web anbieten. Das Ziel: Mit professionellen Online-Angeboten junge Zielgruppen zurück zur Glotze zu führen. Denn On-demand-TV-Angebote wie Hulu, wo amerikanische TV-Sender Serienjunkies mit so gut wie allem legal und kostenfrei versorgen, machen der TV-Branche zunehmend Probleme: Zwar steigt ihre Popularität rapide, aber sie sind kaum zu refinanzieren, weil die Werbewirtschaft nicht mitmacht. Auch in Bezug auf Hulu hat die Diskussion um Bezahlmodelle längst begonnen.
Das sichert dem klassischen Web-Video, wie es YouTube bietet, seine Nische. Es ist abzusehen, dass das Angebot an kostenlosen TV-Vollformaten im Web mittelfristig eher schrumpfen als wachsen wird. Die Nachfrage nach professionellen Gratisangeboten wird derweil bestehen bleiben, bedient von Anbietern wie der ehemaligen Bürgerfunkplattform YouTube, auf denen die Nutzer schon heute vor allem professionelle Angebote suchen. Der Bürgerfunk dort lebt fort, aber er landet immer öfter in der Nische.
Außer, Harry wird vom wilden Charlie gebissen.
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