Von Frank Patalong
Hamburg - Am Samstag, dem 24. Juni 2009, verlor Judson Laipply seinen Titel. Der Star eines YouTube-Filmchens, das mehr als zwei Jahre das populärste Webvideo überhaupt war, wurde überholt. Seit 2006 kursiert sein "Evolution of Dance"-Video im Internet und brach dort Rekorde in Reihe. Über 129 Millionen Mal wurde allein die Originalversion bei YouTube aufgerufen.
Nun aber hatte die Tanzlehrstunde ihren Höhenflug beendet. Und wie es sich gehört, setzte sich ein Video an die Spitze, dem man das eigentlich nicht zutrauen würde. Zwei Kleinkinder sind darauf zu sehen, Harry and Charlie Davies-Carr aus Großbritannien. Ein Paar niedlicher Wonneproppen, die für Papa und seine Kamera posieren - profan, sollte man meinen.
Der ältere Harry steckt dem kleineren Charlie den Finger in den Mund, und der beißt mit der ganzen Kraft seiner wenigen Zähne zu. Tränen fließen, und doch endet das alles auf rührende Weise versöhnlich. So sehen Baby-Erinnerungen aus, die sich jeder gern ins Multimedia-Archiv stellen würde.
So sieht das aktuell erfolgreichste Webvideo aller Zeiten aus? Die Geschichte von Harry und Charlie ist eigentlich eher typisch für die seltsamen Erfolgsgeschichten der frühen Webvideoszene. Die meisten Akteure wurden dort versehentlich oder gegen ihren Willen zu Stars. Zum Prototypen dieser ersten Garde wurde Ghyslain Raza. Dessen höchst privates "Star Wars Kid"-Video veröffentlichte ein fieser Klassenkamerad bei KaZaA - und machte Raza damit zum Gespött eines weltweiten Publikums.
Brolsma und Co: Erfolgreiche Web-Videos der ersten Generation
Ihm folgte bald der Numa-Numa-Sitztänzer Gary Brolsma, dessen Gezappel ein ganzes Genre begründete. Im Gegensatz zu Raza erholte sich Brolsma relativ schnell vom Schock seiner plötzlichen Popularität - und lebt seither leidlich gut davon. Er ist bis heute eine der Ikonen der Onlinekultur, sein Video soll laut dem Guinness-Buch der Rekorde auf allen denkbaren Videoplattformen über 700 Millionen Mal gesehen worden sein.
Eine äußerst steile Schätzung mit webtypisch fragwürdiger Zahlenbasis, doch Schwamm drüber: Fraglos ist das Video eines der bekanntesten originären Webvideos und hat die Wahrnehmung, wie Bewegtbild im Web aussieht, über Jahre mit geprägt. Und nicht nur das: Das ursprünglich bei Newgrounds veröffentlichte Filmchen verpuffte dort zunächst noch relativ unbemerkt. Es legte aber später den Grundstein für den Erfolg einer Videoseite der dritten Generation, auf der es im Herbst 2005 erneut auftauchte: YouTube.
Diese Kopie einer Kopie des Konzepts Webvideoseite setzte sich 2005 gerade deshalb schnell von der etablierten Konkurrenz ab, weil die Web-Filme dort besonders unprofessionell und handgestrickt waren. YouTube avancierte zum Communityportal der Webvideoseiten - eine Art Online-Bürgerfunk. Die Plattform ist seitdem das erfolgreichste Webvideoangebot der Welt.
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