Von Parissa Haghirian, Tokio
Tokio - Denkt man an japanisches Management, kommen zuerst Produktionsmanagement und lebenslange Anstellung in den Sinn. Japanisches Marketing hingegen war in Europa nie ein Thema, zu groß schienen die Kulturunterschiede. Ein Fehler, denn Japan, vor allem seine Hauptstadt Tokio, ist wohl das innovativste Marketinglabor der Welt.
Mehr als eine Million Unternehmen und 160.000 Restaurant kämpfen im Ballungsgebiet der japanischen Hauptstadt um die Aufmerksamkeit von 35 Millionen Kunden. Nirgends ist die Konkurrenz härter; kommen und gehen Produkte schneller. Japanische Unternehmen müssen sich schon etwas einfallen lassen, um im Überangebot nicht unterzugehen.
Im Mittelpunkt japanischer Marketingstrategien steht immer der japanische Konsument: reich, verwöhnt und gewöhnt, dass auf seine Bedürfnisse prompt reagiert wird. Marketing in Tokio heißt daher, Trends entweder sofort aufzugreifen oder sie selbst zu setzen. Tokio wird so zum Testlabor für die Marketingtrends der Zukunft. Viele von ihnen sind auch für deutsche Unternehmen interessant.
Japan ist der einzige Luxus-Massenmarkt der Welt, denn japanische Konsumente lieben teure Markenprodukte. Die französische Marke Louis Vuitton führt das Beliebtheitsranking an, mehr als 44 Prozent aller japanischen Frauen besitzen eines ihrer teuren Stücke. Dennoch, Japaner sind nicht markentreu und wechseln gern zur Konkurrenz, wenn die Marke an Attraktivität verliert.
Marken werden zum Erlebnis
Mit der Massenverbreitung der beliebtesten Marken sinkt auch ihre Anziehungskraft. Ein Problem für Luxusmarken, denn Exklusivität schwindet schnell, wenn auch der Nachbar das Produkt hat. Markenprodukte müssen daher einen zusätzlichen Wert vermitteln, um interessant zu bleiben. Luxusbrands sollen ein Erlebnis für die Sinne sein, doch Flagshipstores oder Brandextensions allein reichen dafür schon lange nicht mehr aus.
Um Konsumenten ein neues Markenerlebnis zu garantieren, wagen sich Japans beliebteste Brands derzeit auf ein neues Territorium: den Servicebereich. Chanel kooperierte mit Frankreichs Starkoch Alain Ducasse und eröffnete am Dach des Chanel-Gebäudes in Tokio ein exklusives Restaurant, in dem Kunden das Ambiente ihrer Lieblingsmarke auch beim Lunch genießen können. Der italienische Taschenhersteller Furla lädt Kunden ins Furla Cafe oder zu Furla Yoga. Superreiche können im Bulgari Luxusressort in Bali urlauben oder bei "Il Cioccolato Bulgari" auf Tokios Prachtstrasse Omote Sando Pralinen genießen.
Luxusmarken werden so wieder das, was sie in erster Linie sein sollten, exklusiv. Und noch etwas mehr: Konsumenten können durch den Kauf von Markenprodukten ihr Lebensgefühl nicht nur ausdrücken, sondern auch erleben.
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH