Von Karsten Stumm
"Schlicht kein Interesse an Twitter"
"Es ist auch in unserem Test auffällig geworden, dass selbst die Niederlassungen großer deutscher Konzerne im Ausland oft aktiver versuchen Twitter in ihre Geschäftspolitik einzubeziehen, als die oberste Führungsriege der deutschen Hauptsitze es wagt", sagt Net-Federation-Geschäftsführer Berens. "Das trifft beispielsweise auf BASF
zu, deren asiatische Tochtergesellschaft mehr Twitter-Aktivität als die Ludwigshafener Zentrale des Chemieunternehmens zeigt. Ähnliches gilt für die Südafrika-Niederlassung von BMW
."
Deutsche Gesellschaften stehen dem Medium Twitter somit offenbar besonders kritisch gegenüber. Wenn überhaupt nutzen sie den neuartigen Kommunikationskanal dann auch wie altbekannte, um darin auf sich aufmerksam zu machen.
Sei es mit der neuesten Produktreklame oder als Informationsweg für die eigene Investor-Relations-Abteilung. Dabei böte Twitter vielleicht die Chance, die Unternehmenskommunikation persönlicher zu gestalten oder Blicke hinter die Kulissen zu gewähren, um neue Kundengruppen zu gewinnen.
"Allerdings müsste Twitter dazu wohl ständig mit neuen Meldungen gefüttert werden. Und in vielen Unternehmen ist bisher nicht einmal klar, wer sich mit diesem neuen Medium überhaupt beschäftigen soll", sagt Net-Federation-Geschäftsführer Berens.
"Namen erstmal gesichert, um Missbrauch zu verhindern"
"Viele hiesigen Unternehmen aber haben an Twitter bisher schlicht kein Interesse", weiß ein Berater der internationalen Werbeagentur Ogilvy aus Erfahrung, die allein in Deutschland mehr als 200 Klienten betreut. "Und die Reserviertheit ist zuletzt gewachsen. Denn nach dem Amoklauf eines Schülers in Winnenden machten offenbar dubiose Meldungen via Twitter die Runde. Konservative Unternehmen fürchten deshalb verstärkt, dass ein negatives Image auf sie abfärbt, wenn sie diesen Twitter-Dienst aktiv für sich nutzen."
Selbst unter den deutschen Topunternehmen, die Twitter zumindest schon versuchen zu nutzen, herrscht große Skepsis gegenüber dem Service. "Wir diskutieren intern noch darüber, ob und wenn ja, wie wir dieses Medium sinnvoll in unsere Kommunikationsstrategie einbinden können", sagt beispielsweise Ute Wüest von Vellberg, Unternehmenssprecherin von Daimler in Stuttgart. "Wir hatten uns den Daimler-Namen im Twitter-Service eigentlich vor einem Jahr erst einmal gesichert, um zu verhindern, dass mit unserem Firmennamen Missbrauch betrieben wird."
Sollte beispielsweise ein Nutzer an der schlechten Idee Gefallen finden, vermeintlich im Namen eines Autounternehmens eine Rückrufaktion in die Werkstätten auszulösen, wäre der Schaden immens. "Man darf die Kommunikationsherrschaft nicht aus der Hand geben", warnt Net-Federation-Geschäftsführer Berens.
Dominic Multerer, Marketingberater etwa des Schweizer Unternehmens Dicota Deutschlands, glaubt dennoch, dass nicht zuletzt die Großkonzerne Deutschlands jetzt ihre Skepsis gegenüber überwinden sollten. "Mit Twitter erreicht man die wichtigen Multiplikatoren im Internet. Diejenigen, die das Web gestalten statt nur mitzulesen. Die hiesigen Branchengrößen sollten deshalb offener gegenüber viralem Marketing etwa über Twitter als bisher sein", sagte Multerer während einer Marketing-Konferenz in Düsseldorf. Sein Rat: Nicht weiter gegenüber Twitter mauern.
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