Von Anja Tiedge
mm.de: Herr Schaar, Sie sind beim Onlinenetzwerk Facebook registriert. Das klingt ungewöhnlich für einen Datenschützer ...
Schaar: Ich glaube, ich bin der einzige amtliche Datenschutzbeauftragte in Deutschland, der bei Facebook registriert ist. Mein Anliegen ist dabei hauptsächlich, das Portal kennenzulernen, damit zu experimentieren und Erfahrungen mit virtuellen Verhaltensweisen zu machen. Dort sind aber nur nicht sensible Informationen über mich abrufbar, sondern meine Botschaften beziehen sich im Wesentlichen auf Berufliches. Dabei habe ich Facebook durchaus schätzen gelernt. Manchmal rege ich mich aber auch über solche Dienste auf.
mm.de: Worüber?
Schaar: Zum Beispiel über die völlige Belanglosigkeit von vielem, was da eingestellt wird. Da gibt es drei Arten von Beiträgen: Einmal eine sehr persönliche, bei der man mitteilt, wie man sich fühlt und was man gerade macht. Dass man gerade eine Pizza gegessen hat und diese einem nicht so gut bekommen ist. Das haut mich nicht wirklich vom Hocker.
Dann sind da die Politiker-Accounts, die aus Sprechblasen bestehen, und bei denen ich manchmal das Gefühl habe, sie haben gar nicht selbst geschrieben. Aber es gibt auch eine dritte Art von Beiträgen, die ich durchaus ernst nehme. Da haben Teilnehmer ein Anliegen und nutzen das Medium, um sich darüber auszutauschen, zu diskutieren und Verabredungen zu treffen. Das ist für mich eine sinnvolle Ergänzung anderer Kommunikationsformen.
mm.de: Mehr missfällt Ihnen nicht an sozialen Netzwerken?
Schaar: Was mich vor allem stört, ist die Gedankenlosigkeit, mit der solche Dienste genutzt und persönliche Informationen ins Internet gestellt werden. Das ist insbesondere bei Jugendlichen der Fall, aber nicht nur bei ihnen. Die Leichtigkeit und Spontaneität der Kommunikation üben für viele einen ungeheuren Reiz aus. Insbesondere Kinder und Jugendliche unterscheiden vielfach nicht, ob sie sich in einem virtuellen oder einem realen Raum aufhalten und geben dadurch oft ungewollt ihre Privatsphäre preis.
mm.de: Ist das ein Grund dafür, dass Sie Personaler in Unternehmen zu mehr Toleranz mit Informationen aus dem Netz aufrufen?
Schaar: Absolut. Unter den vielen persönlichen Informationen, die im Internet kursieren, sind oft auch solche, die man gemeinhin als kompromittierend bezeichnen würde. Da macht es zum Beispiel für Personaler keinen Sinn, jemanden aufgrund von Partybildern für ungeeignet zu halten, während derjenige, der es schafft, dort nicht aufzutauchen, als Musterbewerber erscheint. Wenn die Wirtschaft das als Auswahlkriterium erachtet, stellt sie sich selbst ein Bein.
Unabhängig davon verlange ich aber von den Netzwerken, ihre Voreinstellungen so zu gestalten, dass nicht alle Welt auf private Daten zugreifen kann. Das ist nämlich nicht der Fall. Die Voreinstellungen sind in fast allen Netzwerken datenschutzunfreundlich.
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