Von Achim Berg
Aber die Webciety hat neben der technischen eben auch die gesellschaftliche und damit letztendlich eine politische Komponente. Und gerade hier dürfen wir die Bewohner der Webciety nicht sich selbst überlassen.
Fehlende Medienkompetenz: In Deutschland ist die Nutzung des Internets durch Kinder noch immer umstritten
"Internet macht dumm", "Amokläufer liebt Killerspiele", "Fettsucht und Vereinsamung am Computer", "Pornosurfen im Kinderzimmer" - um nur einige fette Schlagzeilen aus den vergangenen Monaten und Jahren zu zitieren. Nicht die sozialen und kreativen Erfolgsgeschichten des Internets, sondern seine Zerrbilder haben Hochkonjunktur in den Publikumsmedien.
In einem Land, in dem renommierte Bildungsökonomen die Position vertreten, der Erwerb von Internetgrundkenntnissen sei keine Aufgabe für allgemeinbildende Schulen, mag man ob solcher Ignoranz noch die Schultern zucken.
Deutschland und die digitale Bildung
Wenn sich aber im Herbst 2008 die führende Politikerin dieses Landes, alle Ministerpräsidenten und die einflussreichsten Bildungspolitiker zu einem "Nationalen Bildungsgipfel" treffen und das Thema Medienkompetenz und digitale Bildung noch nicht einmal eine untergeordnete, sondern gar keine Rolle spielt - dann weiß man, dass man in Deutschland ist.
20 Jahre World Wide Web heißt auch: Seitdem Erhebungen zur digitalen Bildungspolitik durchgeführt werden, ist Deutschland - was den regelmäßigen, konzeptionell durchdachten und nachhaltigen Einsatz von digitalen Medien in Schul- und Unterrichtsprozessen oder was deren Ausstattung mit Internetanschlüssen angeht - höchstens im hinteren Mittelfeld der OECD-Staaten zu finden und nicht selten ihr trauriges Schlusslicht.
Medienkompetenz ist Voraussetzung für alle wirklichen Fortschritte der Internetgesellschaft. Sie ist so etwas wie die "politische Bildung" der Webciety. Sie entscheidet über die Karriere- und Einkommenschancen unserer Kinder, über ihre politischen Partizipationschancen, über ihren Anteil an den räumlichen und zeitlichen Souveränitätsgewinnen, die uns das Internet in Arbeitswelt und Freizeit anbietet. Wie recherchiere ich im Internet? Mit welchen Chancen und Risiken habe ich es zu tun, wenn ich an YouTube, MySpace oder anderen Web-2.0-Aktivitäten teilnehme? Welche Gewinnchancen, aber auch welche Manipulationsmöglichkeiten bietet die digitale Kommunikation? Nur dann, wenn solches Wissen im Alltags- und Jedermannwissen verankert wird, müssen wir uns über die humane und demokratische Entwicklung der Webciety keine Sorgen machen.
Letztendlich bleibt also auch das Leben "in" und "mit" der Webciety eine recht bodenständige und keineswegs virtuelle Angelegenheit - eben wie im wirklichen Leben. Und deshalb werden wir auch künftig dafür immer wieder nach den "richtigen Worten" und damit Antworten suchen müssen.
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