Von Anja Tiedge
Tummelplatz für kreative Köpfe
Also galt es, ihnen die verloren geglaubte Sicherheit zurückzugeben und die Exklusivität der Marken im Netz widerzuspiegeln: Das Clubprinzip war geboren. Denn die Käufer sind bei Vente Privée (zu Deutsch: Privatverkauf) keine Kunden, sondern Mitglieder. Nur wer von einem bestehenden Mitglied empfohlen wird, kann mitmachen und Markenware bis zu 70 Prozent günstiger kaufen.
In Frankreich, wo es mittlerweile knapp 6,5 Millionen Mitglieder gibt, war das Schneeballsystem erfolgreich. "Hier ist es kein Problem, wenn jemand etwas bei uns kaufen will, aber nicht angemeldet ist", sagt Granjon. "Jeder kennt mittlerweile irgendwen, der bei Vente Privée Mitglied ist und kann sich über seine Empfehlung selbst anmelden." Auf dem deutschen Markt, wo Granjon gerade Fuß fassen will, ist das System dagegen eher hinderlich. Denn selbst, wer von Vente Privée gehört hat und etwas kaufen möchte, kann es oftmals nicht, weil er kein Mitglied ist. "Wenn der Kundenstamm erstmal da ist, wird es leichter", hofft Granjon.
Eine andere Idee, die verunsicherte Markenfirmen beruhigen sollte, war die kurze Dauer der Verkäufe. Eine Verkaufsaktion ist auf zwei bis drei Tage befristet. Davor und danach ist von der Ware nichts mehr im Netz zu finden. Vente Privée sorgt dafür, dass sie selbst in den Suchmaschinen nicht mehr auftaucht. Quasi eine schnelle und saubere Restbeseitigung. "Wir sehen uns nicht als Konkurrenten der Marken, sondern als deren Partner. Durch uns behalten sie die Kontrolle über ihre Produkte und wir schützen dadurch ihr Image."
Deshalb präsentiert Granjon ihre Ware auch nicht einfach so, als handele es sich um herkömmliche Katalogartikel. Um die Produkte gebührend anzupreisen, wird ein gewaltiger Aufwand betrieben: Für jede einzelne Verkaufsaktion einer Marke - derzeit sind es etwa fünf am Tag – wird in den hauseigenen fünf Tonstudios jeweils ein Verkaufstrailer produziert. 200 Mitarbeiter entwerfen diese Filmchen, die musikalische Untermalung und die Grafik in den Shoppingbereichen der Webseite. Das Unternehmen ist ein Tummelplatz für Kreative: Granjon braucht für sein Unternehmen Sound- und Webdesigner genauso wie Fotografen, Maskenbildner, Frisöre, Retuscheure oder Models.
Alle arbeiten unter einem Dach, in einer ehemaligen Druckerei der französischen Tageszeitung "Le Monde" am Pariser Stadtrand. Wer sich dort auf den engen Gängen zwischen Kleiderständern, Modellpuppen und Fotostativen durchwühlt, muss immer wieder den Mitarbeitern ausweichen, die vom Ton- ins Fotostudio oder von der Grafik- in die EDV-Abteilung laufen. Vor manchen Rechnern hängen Menschentrauben, es wird über den neuesten Trailer diskutiert. Viele von ihnen sehen aus, als wären sie dem Werbefilm gerade entsprungen. Das Durchschnittsalter der Vente-Privée-Mitarbeiter beträgt 30 Jahre.
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