Angesichts dieser realen Bedrohungsszenarien braucht man keine Verschwörungstheorie, um in dem Riesenindex ein Problem zu erkennen, das Millionen von Menschen betreffen kann. Die zentrale Frage ist nicht, ob Larry Page und Sergey Brin oder irgendwer anders bei Google in Wirklichkeit all die Daten sammelt, um irgendwann die perfekten Werbeprofile von Millionen Google-Nutzern – Name, Adresse und heimliche Vorlieben inklusive – zu verkaufen oder um die Kontrolle über die Aktienmärkte und gar die Weltherrschaft anzustreben.
Es ist auch nicht nötig, dass Google seine Firmenethik über Bord wirft, damit aus der gut gemeinten Flut an Produkten und gesammelten Daten ein Albtraum wird. Ob jemand beim Entwerfen dieses Systems tatsächlich finstere Pläne hatte oder einfach von der Sorge getrieben war, dass man in Zukunft irgendeine Möglichkeit zur Datenauswertung verpassen könnte, spielt bei der Bewertung des grundsätzlichen Problems, das Google als Datenkoloss darstellt, keine Rolle.
Vermutlich ist der Megaindex wirklich völlig ohne dunkle Hintergedanken entstanden. Integraler Bestandteil des Innovationsmodells bei Google ist, die Brauchbarkeit aller Ideen durch die Analyse riesiger Datenmengen zu testen. Die Datenmassen erlauben es den Googlern, an ihren altbewährten Verfahren festzuhalten, die im Wesentlichen dar aus bestehen, etwas einfach auszuprobieren und zu sehen, ob es funktioniert. Die automatische Rechtschreibkorrektur, ein paar Algorithmen, die Worte und Sätze von einer Sprache in eine andere übersetzen, und das Aufspüren von Klickbetrügern werden immer wieder als Begründung für den Nutzen dieser Bestände angeführt.
Doch ein Datenmissbrauch hätte nicht nur für die Betroffenen schwerwiegende Folgen. Für Google könnte er das Ende bedeuten, denn ohne das Vertrauen der Nutzer ist Google schnell aus dem Spiel. Allerdings ist derzeit ist noch nicht erkennbar, dass Google trotz aller Lippenbekenntnisse zu Datenschutz und Privatsphäre von sich aus genug Sensibilität entwickelt, um diese Themen im Sinne der Nutzer grundsätzlich und anders anzugehen.
Eine Reihe im Frühjahr 2008 angemeldeter Patente deutet im Gegen teil darauf hin, dass Google sein Know-how im Bereich der Verhaltensanalysen weiter ausbaut. Offenbar sollen sogar auch die Daten von Menschen zu Profilen zusammengefasst werden, die das gar nicht wollen und sich deshalb für einen bestimmten Dienst bewusst nicht angemeldet haben.
Bei dem von Google angemeldeten US-Patent 20,080,077,614 geht es beispielsweise um "Systeme und Methoden, um Benutzerprofile zu er zeugen", indem man die gesamte elektronische Kommunikation in einem Netzwerk überwacht und den Einzelnen anhand dessen identifiziert, was ihm an Inhalten geschickt wird. Auch wer sich nicht bei Google angemeldet hat, kann einem solchen von Google angelegten Benutzerprofil zugeordnet werden, wenn er beispielsweise anhand der Nachrichten, die er typischerweise immer wieder von Google News abruft, identifiziert wird.
Dies ist der vierte und letzte Teil der Auszüge aus Lars Reppesgaards Buch "Das Google-Imperium".
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