Dieses Land ist unregierbar. Denn still und heimlich haben die Tamagotchis die Herrschaft übernommen.
Sie erinnern sich? In den 90ern gab es mal diese kleinen Geräte, die sich verhalten sollten wie Haustiere. Die Entwickler deuteten das so, dass die Dinger ständig Bedürfnisse äußern: "Füttere mich", "streichele mich" und so was, reichlich seltsam für einen rechteckigen Pieper mit Schwarz-Weiß-Display. Der Name Tamagotchi wurde aus dem Japanischen übernommen.
Eigentlich dachten wir ja, das sei eine Mode gewesen, eine für Kinder. Schnell verschwand der Blödsinn wieder aus den Läden. Doch der Schein trügt. Heute sind Tamagotchis überall, sie haben nur andere Formen angenommen.
Zum Beispiel die unseres fair gehandelten Kaffeeautomaten im Büro. Vordergründig ein Gerät, das uns viel gibt, nämlich Espresso und Milchschaum auf Knopfdruck. Tatsächlich aber entwickelt sich die Maschine zu einem kleinen Terroristen. Auf den Knopfdruck folgt immer seltener Kaffee und immer öfter das bekannte Tamagotchi-Genöle: "Fütter' mich mit Kaffeebohnen", "streich' den Kaffeesatz aus der Sammelbox", "gib mir eine Reinigungstablette". Dabei nimmt er unseren Kaffee als Geisel, die er erst freilässt, wenn alle Bedingungen erfüllt sind.
"Gut", dachte sich der Besitzer, "schnalle ich mich eben an, für zwei Meter Fahrt im Schritttempo." Doch der Wagen sprang partout nicht an. Nach einer geschlagenen Viertelstunde war endlich klar, was das Biest wollte. Auf dem Beifahrersitz stand eine Einkaufstasche, nicht mal zu einem Drittel gefüllt. Als endlich auch die angeschnallt war, gab sich der Pieper zufrieden und warf den Motor an.
Tamagotchis reißen immer mehr Macht an sich. Für die Zukunft sehen wir schwarz. Krankenwagen werden erst vom Unfallort losfahren, wenn eine Versichertenkarte durchgezogen wird. Fallschirme werden erst öffnen, wenn das E-Ticket per Kreditkarte bestätigt ist. Hypothekenkredite werden erst dann gewährt, wenn der Kunde sie auch zurückzahlen kann.
Das Schlimme ist: Wir können nichts dagegen tun. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Uns bleibt nur, wegzuschauen. Zum Beispiel auf die unterhaltsamen Webseiten, die wir in dieser "Auszeit" vorstellen.
Lassen Sie sich nicht erwischen!
© manager magazin online 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH