Prinzip Gießkanne
Der Fall zeigt aber eines der Hauptprobleme, wenn Firmen Kontrollfunktionen übernehmen. Die Regeln sind oft unklar, ihre Durchsetzung ist uneinheitlich. Nutzerprofile werden auch ohne Vorwarnung gelöscht. Ob Beschwerden berücksichtigt werden, liegt allein im Ermessen des Anbieters.
Die unklaren Regeln führen auch dazu, dass der Eindruck entsteht, Inhalte würden alleine deshalb gelöscht, weil sie unbequem seien. So löschte der Provider Network Solutions unter Hinweis auf nicht näher bezeichnete Beschwerden einen Account für einen umstrittenen islamkritischen Film des niederländischen Abgeordneten Geert Wilders, noch bevor das Video überhaupt veröffentlicht wurde.
Der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo konnte es in seinem Kampf gegen Kinderpornografie erreichen, dass drei große Internetzugangsanbieter Newsgroups abschalteten, in denen solche Bilder getauscht wurden. Aber weil die Unternehmen den Aufwand scheuten, diese speziellen Foren ausfindig zu machen und zu schließen, wurden direkt Tausende ganz legaler Foren mit geschlossen.
"Als ob man aufhört zu existieren"
Serviceprovider verweisen dann gerne darauf, dass sich Kunden ja eine andere Firma suchen könnten. Tatsache aber ist, dass einige populäre Angebote wie Facebook, MySpace, Flickr oder YouTube inzwischen eine solche Bedeutung erreicht haben, dass sie nicht leicht ersetzt werden können. Wenn jemand von dort verbannt wird, dann das ist das so, als ob er an den Stadtrand abgeschoben wird.
Andere Seiten "haben nicht die kritische Masse. Es würde keiner sehen", sagt Scott Kerr von der schwulen Punkband Kids on TV, deren Profil bei MySpace mysteriöserweise gelöscht wurde. MySpace hat den Vorwurf der Zensur zurückgewiesen und erklärt, wenn Profile gelöscht würden, dann sei es wegen Beschwerden über Spam oder andere Unregelmäßigkeiten.
Die Internetnutzer könnten sich zwar gegen solche Einschnitte wehren, aber mit der immer stärkeren Konsolidierung des Markts schwindet die Macht der Nutzer. Die Menschen versammelten sich an immer weniger Orten, erklärt der Computerwissenschaftler Lauren Weinstein. "Wenn man aus einem dieser Orte herausgeworfen wird, dann ist das in gewisser Hinsicht so, als ob man aufhört zu existieren."
Anick Jesdanun, ap
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