Von Helmut Merschmann
Internationales Phänomen
Mehr als 400 Start-ups sind in den vergangenen zwölf Monaten in Deutschland gegründet worden - freilich nicht alles Plagiate. Doch gerade im Reich des sogenannten Web 2.0 sind Imitationen an der Tagesordnung. Geschäftsideen sind meist nicht geschützt, es reicht eine kleine Umbenennung, leichtes Schrauben am Webdesign, und schon führt der Klon ein Eigenleben.
Das Phänomen gilt international: Vom Nachrichtendienst Digg.com existieren malaysische, schwedische und finnische Kopien und vermutlich noch unzählige mehr. "Soziale Lesezeichen" wie bei Del.icio.us kann man auch bei Mister Wong, Oneview oder Folkd anlegen. Communitynachrichten gibt es sowohl bei Newsvine wie auch bei Yigg und Webnews.de.
Umgekehrt expandieren die amerikanischen "First Mover", die den Markt als erste betreten haben, ins Ausland und gründen dort Filialen. Ende März ging der deutsche Ableger von MySpace an den Start und hat sich seitdem zum Erfolgsprojekt gemausert. Von der Teenagercommunity Piczo gibt es inzwischen Lokalversionen in Deutschland, Dänemark, Spanien, Frankreich, Schweden, Norwegen, Großbritannien, Kanada, Australien, Russland und einigen asiatischen Sprachen. Regionalisierung und sprachspezifische Inhalte haben sich gerade in Europa als erfolgreich erwiesen.
Deutscher Exportschlager
Wie schon bei der ersten Dotcom-Welle steht eine Marktkonsolidierung an. Bislang reichte noch der Verweis auf ein erfolgreiches amerikanisches Vorbild, um an Risikokapital zu gelangen. Beobachter befürchten jedoch angesichts der Unsummen, die Firmen wie Facebook auf dem Papier wert sind, einen vergleichbaren Börsencrash wie 2001, als der Neue Markt kollabierte. Nur die sattelfesten Unternehmen würden den überleben. In der Regel beherrschen sie schon jetzt den Markt. Das Beispiel StudiVZ mit seinen vier Millionen Mitgliedern zeigt indessen, dass auch Klone gar nicht schlecht im Rennen liegen müssen.
Mit der Politplattform Direktzurkanzlerin.de liegt der seltene Fall eines deutschen Web-Exportschlagers vor. Die Gründungsidee geht auf eine Studenteninitiative an der FH Brandenburg zurück. Auf der im Oktober 2006 freigeschalteten Plattform können Fragen an Angela Merkel gestellt werden. Die drei interessantesten Fragen pro Woche werden aus dem Kanzleramt "im Auftrag der Bundeskanzlerin" beantwortet. Zehn Millionen Besucher hat die Seite, nach Auskunft von Gründer Caveh V. Zonooz, binnen eines Jahres gezählt.
Für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008 ist die Idee nun übernommen worden. Philip Viera, ein Student an der kalifornischen Fresno University, hatte bei Deutsche Welle TV einen Beitrag über die Polit-Website gesehen und wollte mit Kommilitonen zusammen etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Inzwischen ist Straight2who eine Tochter der deutschen Direktzu GmbH.
Auf Straight2thecandidates.com sind Bilder von 17 US-Politikern zu sehen, die für den Wahlkampf im nächsten Jahr kandidieren. Ihnen können - getreu dem deutschen Vorbild - Fragen gestellt, Kommentare zugesandt und Videos geschickt werden. Bislang ist dort allerdings noch nicht viel los.
Der Kandidat der Demokraten, Barack Obama, hat 39 Botschaften erhalten, Hillary Clinton kommt auf 30. Ihre Antworten stehen noch aus.
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