Mittwoch, 8. Februar 2012, 05:22 Uhr

manager magazin



03.07.2007
 

Second-Life-Flaute

Sturmfreie Bude

Von Anja Tiedge

Mit gewaltigem Getöse öffnete die Onlinewelt Second Life einst ihre Pforten. Doch mittlerweile hat sich der Sturm gelegt. Der Großteil der knapp acht Millionen Einwohner zählenden Internetgemeinde reagierte so wie die Medien: Sie kamen, sahen - und verschwanden wieder.

Hamburg - Vor etwa einem halben Jahr sorgte die Onlinewelt Second Life für gigantisches Aufsehen. Jeder wollte hinein, keiner der Letzte sein. In die Haut einer selbst erschaffenen Person zu schlüpfen und ein virtuelles Land zu erkunden, reizte viele Internetnutzer. Auch Unternehmen erlagen dem Reiz des Unbekannten: Anfang des Jahres verging keine Woche ohne Meldungen von Konzernen, die mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand den Einstieg in den Online-Erlebnispark planten.

Heute ist es vergleichsweise still um das einstige Boomportal. Meldungen über Unternehmen, die virtuelle Ableger in Second Life gründen, sind rar geworden. Auch die Erfahrungsberichte staunender, fliegender oder flirtender Avatare bleiben aus.

Stattdessen kamen in den vergangenen Monaten vor allem kritische Stimmen zu Wort. Von Gewalt und Diebstahl war da die Rede. Die traurige Krönung der Negativschlagzeilen waren Meldungen über Kinderpornografie in der virtuellen Welt. Demnach hatten Second-Life-Bewohner, auch aus Deutschland, Sex mit Kinderavataren. Den Schöpfern der Onlinewelt, dem kalifornischen Unternehmen Linden Lab, wurde von Nutzern und Juristen vorgeworfen, nicht in ausreichender Weise gegen Pädophile vorzugehen.

Doch das Unternehmen hüllte sich in Schweigen. Linden-Lab-Managerin Jean Miller wollte die Vorfälle im Gespräch mit manager-magazin.de nicht kommentieren. Bei Linden Lab sei für solche Themen eine andere Abteilung zuständig. Diese reagierte allerdings bis heute nicht auf eine schriftliche Anfrage.

Selbst der Entwickler und Chef von Second Life, Philip Rosedale, reagierte erst knapp sieben Wochen nach den ersten Anschuldigungen auf die Forderung nach Schutzmechanismen. Demnach will er die Verantwortung in Zukunft an die jeweiligen Regierungen abgeben. Sein Portal solle ein Filtersystem bekommen, mit dem jedes Land selbst regeln kann, welchen Gesetzen ihre Bürger in Second Life unterliegen. So sollen sie Altersbeschränkungen selbst festlegen und deren Einhaltung überprüfen können, sagte Rosedale in einem Interview. Ob und inwieweit dieser Filter Pädophile von ihren perversen Spielen abhalten wird, ist fraglich.

Doch Internetnutzer reagieren in der Regel sensibel auf Negativschlagzeilen und wandern im Zweifelsfall ab. Auch die Second-Life-Gemeinde unterliegt offenbar dieser Art von Selbstkontrolle.

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