"Frank Sinatra von Teletubby-Systems"
Döpfner gibt in seiner Rede sein Bestes, um den Beschäftigten den Umzug so schmackhaft wie möglich zu machen. "Es werden nicht, wie ursprünglich geplant, 700 Mitarbeiter betroffen sein", verkündet er. Vertrieb und Logistik müssten nicht mit umziehen. Nach einigem Zahlenjonglieren - minus Vertrieb, plus leitende Angestellte - wird klar: Knapp 500 Beschäftigte werden nach Berlin ziehen müssen, rund 200 bleiben in der Hansestadt.
Ebenfalls neu ist, dass der Umzugstermin auf März nächsten Jahres verlegt wird. Damit wird Diekmanns Wunschdatum, der kommende 3. Oktober, um ein halbes Jahr überschritten. Der Chefredakteur hatte sich den Tag der deutschen Einheit als "Signal, das der politischen Tradition des Verlages und des Engagements seines Gründers Axel Springer für die Überwindung der deutschen Teilung entspricht" ausgeguckt, wie er der "FAZ" anvertraut hatte.
"Wir bieten allen Beschäftigten, die nach Berlin gehen, unsere Hilfe an", sagt Döpfner. Den umziehenden Mitarbeitern wolle Springer die doppelte Haushaltsführung für die ersten sechs Monate finanzieren und zudem die Pendler- und Umzugskosten übernehmen. Außerdem solle eine Jobrotation für einzelne Härtefälle geprüft werden. "Mitarbeiter, die nicht vom Umzug betroffen sind, können sich für Jobs in Berlin bewerben. Dadurch könnten andere wiederum hier bleiben", erklärt der Verlagschef. Auch ein Betriebskindergarten solle in der Hauptstadt gegründet werden. Wenn dieser von den Mitarbeitern angenommen wird, solle es einen weiteren in Hamburg geben. Als Döpfner das Redepult verlässt, erhält er von den Anwesenden verhaltenen Applaus.
"Jetzt geht die Märchenstunde los"
Diekmann hat es auf der Bühne ungleich schwerer. Zunächst versucht er, die Zuhörer mithilfe des Brandanschlags auf sein Auto vor wenigen Tagen auf seine Seite zu ziehen. In Bezug auf den Anschlag hatte sich beispielsweise der Hamburger Verdi-Chef Wolfgang Rose solidarisch gezeigt. "Das tut gut", sagt der "Bild"-Chef aus vollem Herzen.
Doch die Mitarbeiter wollen sich nicht einlullen lassen. "Jetzt geht die Märchenstunde los", tönt es aus dem Saal, als Diekmann zur Tagesordnung übergeht. "Auch ich bin kein Berliner", sagt er und spielt damit auf die T-Shirts an. "Aber ich bin auch kein Hamburger. Ich bin Chefredakteur der 'Bild'." Deshalb trete er dafür ein, was für die Zeitung am besten sei. Und die "Bild" müsse eben da sein, wo das Leben pulsiert. "Eine Boulevardzeitung gehört auf die Straße, und in Berlin gibt es davon im übertragenen Sinne mehr", sagt Diekmann und erntet dafür Gelächter. Dass beispielsweise die "FAZ" und die "Süddeutsche Zeitung" nicht einfach nach Berlin gehen könnten, sei ein Wettbewerbsvorteil. "Und den müssen wir nutzen", so Diekmann.
Alles in allem heißt es für die "Bild"-Beschäftigten weiterhin abwarten. Welche Abteilungen und Mitarbeiter konkret nach Berlin umziehen werden, wissen sie noch immer nicht. In der kommenden Zeit würden jedoch mit allen Beschäftigten Einzelgespräche geführt. In den Ohren der Mitarbeiter muss dies eher wie eine unheilvolle Prophezeiung denn wie ein Versprechen klingen.
Einer von ihnen geht ans Mikrofon und stellt sich als "Frank Sinatra von Teletubby-Systems" vor. Seinen echten Namen verrate er nicht. "Wir werden vom Vorstand schließlich auch belogen", sagt er zur Begründung. Angesicht zu Angesicht mit der Chefetage lässt er seinen Frust ab. Er fühle sich betrogen und verbannt. Schließlich fordert er seine Kollegen auf, nicht alles so hinzunehmen, wie es ihnen vom Vorstand gesagt wird, frei nach dem Motto: "Bild Dir Deine Meinung!"
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