Hamburg - "Seit 20 Jahren arbeite ich bei der 'Bild'. Ich bin in Hamburg geboren, habe meine Kinder hier großgezogen, meine Freunde leben hier. Jetzt soll ich nach Berlin ziehen", sagt ein Mitarbeiter der "Bild"-Zeitung, der gerade die Betriebsversammlung der Axel-Springer-AG
verlässt. Der groß gewachsene Mann wirkt müde. Auf seinem knallroten T-Shirt prangt die Aufschrift "Ich bin kein Berliner". Ob er in die Hauptstadt ziehen muss, ist ungewiss. Er habe heute lediglich erfahren, dass seine Abteilung teilweise nach Berlin verlagert wird.
Wie ihm soll es Hunderten weiteren "Bild"- und "Bild am Sonntag"-Mitarbeitern gehen. Anfang Mai übermittelte der "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann seinen Kollegen die Nachricht. Allerdings nicht direkt, sondern per Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Dass sein Blatt in das "politische, kulturelle und Lifestyle-Zentrum" umsiedelt, sei der Wunsch der Redaktion, sagte er darin.
Davon ist kurz vor der Betriebsversammlung im Hamburger Congress Centrum nicht viel zu spüren. Die Mitarbeiter protestieren gegen die Umzugspläne, wenn auch verhalten. Einige von ihnen tragen die roten T-Shirts mit dem abgewandelten John-F.-Kennedy-Ausspruch.
"Ich bin nicht persönlich von dem Umzug betroffen, aber ich möchte mich meinen Kollegen solidarisch zeigen", sagt eine Trägerin. Vereinzelt tun die Teilnehmer ihren Protest mit Trillerpfeifen und Rasseln kund.
Auch im Saal ist die Stimmung gespannt, aber ruhig. Die Betriebsversammlung, die vom Vorstand als Informationsveranstaltung bezeichnet wird, ist eher eine versuchte Aussprache. "Wir befinden uns zwar nicht im Krieg, aber wir haben das Gefühl, ständig bombardiert zu werden", sagt der Betriebsratsvorsitzende Ulrich Liedtke.
Auch die Vize-Gesamtbetriebsratvorsitzende Gudrun Dilg macht deutlich, dass die Hamburger "Bild"-Mitarbeiter auf keinen Fall nach Berlin verlagert werden möchten. Sie erinnert Diekmann daran, dass auch er noch vor zwei Jahren die journalistischen Vorzüge Hamburgs durchaus zu schätzen wusste. "Die politische Distanz war für Sie damals nach eigener Aussage ausschlaggebend, nicht nach Berlin zu gehen", sagt sie. Nun solle genau diese Distanz das Problem sein. Der Saal applaudiert.
Die Mitarbeiter vertrauen ihrem Vorstand nicht mehr. Verlagschef Mathias Döpfner werfen sie vor, die Verlagerung aus rein finanziellen Überlegungen vorzunehmen. Der widerspricht: "Der Umzug hat keine wirtschaftlichen Gründe." Damit stärkt er Diekmann den Rücken, der im "FAZ"-Interview betont hatte, dass die Verlegung eine reine Standortentscheidung sei.
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