Donnerstag, 9. Februar 2012, 15:20 Uhr

manager magazin



09.05.2007
 

Internet

Was kommt nach Second Life?

Von Willi Schroll und Andreas Neef

Second Life ist mehr als nur eine Marketingkulisse: Das Netz der Zukunft baut auf einer dreidimensionalen Metapher auf. Das wahre Potenzial liegt hier jedoch nicht im virtuellen Erlebnisshopping, sondern in den Schnittstellen, die zwischen Internet, 3D und Realität entstehen.

Linden Lab geizt auf seinem Portal nicht mit Zahlen, die beweisen sollen, dass es beständig aufwärts geht in Second Life (SL): Die Anzahl der registrierten Nutzer, die Monatseinkommen, die Immobilienwerte – alles wird akribisch erfasst und alle Indikatoren weisen auf Wachstum.

Selbstbewusst verkündete Philip Rosedale, der Gründer jener synthetischen Welt, jüngst die utopisch erscheinende Zielmarke von 1,5 Milliarden SL-Bewohnern – was nicht weniger meint als die Fortsetzung des Internets in einem sogenannten 3D-Web. Auch die Marktforscher von Gartner sind überzeugt: Bereits Ende 2011 wandeln 80 Prozent der Internetnutzer als Avatare durch ein dreidimensional erweitertes digitales Medium.

Die Businesswelt ist beeindruckt. Second Life ist mit rasanter Geschwindigkeit zu einer eigenständigen virtuellen Volkswirtschaft herangereift – mit geschäftstüchtigen Designern und Maklern, grenzenlosem Bauplatz und einer konvertierbaren Währung, dem Linden-Dollar. Second Life scheint einen Vorgeschmack auf das Netz der Zukunft zu bieten. Wird hier nicht der Traum eines grenzen- und schwerelosen Wirtschaftens Realität? Entspricht es nicht der immanenten Entwicklungslogik des Internets, dass der Nutzer sich schließlich hinter der Schnittstelle Computer wieder findet, sich nicht länger durch Seiten klickt, sondern in innigen Kontakt mit dem Datenraum kommt, in dem er sich selbst als Avatar verkörpert?

Misstöne im Web

Neuerdings aber mischen sich Misstöne in die Vision eines dreidimensional aufgebohrten Internet, in das wir mit makellosen Wunschkörpern eintauchen, statt auf öden Oberflächen herum zu klicken. Die Rede ist hier nicht von Bedenkenträgern, die eine Sinnstiftung in künstlichen Paradiesen ganz prinzipiell in Zweifel ziehen. Die Kritik kommt einerseits von den Web-Konservativen, die die 3D-Euphorie als Déjà-vu erleben: Vor Jahren gab es einen ähnlichen Hype um Virtual Reality und Cybersex – allerdings handelte es sich dabei um mit dem Internet gänzlich unverbundene Stand-Alone-Anwendungen.

Zugleich meldet sich die aktive SL-Gemeinschaft immer lautstärker zur Wort. In einem offenen Brief beklagte sich die aufstrebende Cyberklasse aus virtuellen Kleinunternehmern mit einer ellenlangen Mängelliste beim Betreiber Linden Lab. Häufige Updates, bei welchen Objekte und Freundeslisten verschwinden, mangelhafte Performance und Stabilität zerren an den Nerven derjenigen Aktivisten, für die Second Life mehr ist als eine PR-Kulisse, die ein Unternehmen 2007 als innovationsfreudig ausweisen soll.

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