Von Anja Tiedge
Die Grenze zwischen Schein und Sein
Anshe Chung will sich von Second Life unabhängig machen - oder ist es doch Ailin Gräf? Die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit verschwimmen im Spiel. So auch während eines Gesprächs des Gräf-Avatars mit manager-magazin.de in einem virtuellen Glaspalast in Second Life - natürlich made by ACS.
Chung möchte zwar nicht mehr als Anhängsel von Second Life begriffen werden. Trotzdem stellt sie gleich zu Anfang klar: "Ich bin Anshe, eine virtuelle Persönlichkeit". Im nächsten Moment wiederum plaudert der virtuelle Gesprächspartner über die Mitarbeiter der ACS, die aus Fleisch und Blut sind, im chinesischen Wuhan sitzen und deren Chefin sie ist. Ja, wie denn nun? Einen Real-Lifer, wie sie die Menschen aus dem "ersten" Leben nennt, kann das schon mal verwirren.
Auch die Technik bringt so manchen Avatar und mit ihm den Spieler vor dem Rechner zur Verzweiflung. Es kommt vor, dass das Gegenüber plötzlich in nicht enden wollende Zuckungen verfällt oder das Programm vollständig abstürzt. Von Zeit zu Zeit schließt die virtuelle Welt auch ihre Tore. Dann wird das zweite Leben zur besten mitteleuropäischen Zeit für mehrere Stunden dichtgemacht - wegen Umbau geschlossen. "Durch das enorme Wachstum kommt die Technik nicht mit", erklärt auch Second-Life-Experte Weiß.
Hinzu kommen Probleme, die durch Hacker verursacht werden. Second-Life-Prominente wie Anshe Chung haben solche Angriffe schon am eigenen virtuellen Leib zu spüren bekommen: Während einer Pressekonferenz schwebten plötzlich männliche Geschlechtsteile auf sie zu. "Der Angriff diente dazu, Aufmerksamkeit zu erheischen", meint Chung. "Ich hätte den Vorfall lieber ignoriert."
Wer die Onlinelandschaft als Geschäftsplattform nutzt, kann derartige Probleme allerdings nicht ignorieren, sondern sollte sich bewusst sein, dass der Weg vom gefeierten Neuankömmling zur Zielscheibe virtueller Angriffe kurz ist. "Hier gibt es Intrigen und andere Dinge, die auch im echten Leben passieren - nur manchmal noch hemmungsloser", warnt Chung. Im Reiz von Second Life lauert offenbar auch seine Gefahr: Die simulierte Welt ist unberechenbar.
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