Von Anja Tiedge
Hamburg - Angenommen, Ihr Leben wäre langweilig. Sie suchten nach neuen Horizonten, interessanten Herausforderungen, frischen Geschäftsideen. Was würden Sie tun?
Vor wenigen Jahren wurde diese Frage wohl noch mit "Unternehmensberater konsultieren" oder "Psychologen aufsuchen" beantwortet. Heute, in Zeiten des Web 2.0, gibt es eine einfachere und vor allem kostengünstigere Lösung: Sie setzen sich vor den Computer und beschaffen sich einfach und gratis ein spannenderes zweites Leben. Second Life ist nicht nur die englische Übersetzung dafür, sondern auch ein Onlinespiel, das die Gesellschaft momentan umtreibt.
Wie eine gigantische Internetwelle rollte Second Life im vergangenen Jahr aus Nordamerika auf uns zu und überflutet seitdem das Land. Diejenigen, die heute nicht auf der Welle schwimmen, werden morgen die begossenen Pudel sein oder müssen sich spät und übereilt in die Fluten stürzen - so die Befürchtung.
Mittlerweile tummeln sich weltweit bereits mehr als vier Millionen Avatare, also virtuelle Personen, deren Namen, Aussehen und Figur von dem Spieler beliebig verändert werden können, in Second Life. Jede Stunde kommen mehrere Tausend hinzu. Wie viele sogenannte Unique Residents das sind, also echte Spieler vor dem Rechner, ist fraglich, denn jeder Spieler kann beliebig viele Avatare erschaffen. Hinzu kommt, dass es vermutlich viele Karteileichen gibt, die sich anmelden und Second Life einmal testen, um sich danach wieder in das virtuelle Nirvana zu verabschieden.
Offiziell hat sich etwa ein Drittel aller Second-Life-Nutzer in den letzten 60 Tagen eingeloggt. Insider vermuten aber, dass nur gut 10 Prozent aller Bewohner solche Nutzer sind, die regelmäßig ein Doppelleben führen. Das wären immerhin mehr als 400.000 aktive Spieler.
Die Möglichkeiten im zweiten Leben ähneln denen im ersten - und gehen noch weiter. Denn neben alltäglichen Dingen wie arbeiten, Geschäfte abwickeln und tanzen gehen können die Avatare fliegen, sich auf eine entfernte Insel "teleportieren" oder eine tierische Gestalt annehmen. Jeder kann machen, was er in der Realität nicht zu träumen wagt und sein, was er im ersten Leben schon immer werden wollte: erfolgreicher Unternehmer, Prostituierte oder einfach nur das andere Geschlecht.
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