24.11.2006
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Web 2.0

Der Kult der Selbstdarstellung

Von Martin Nejezchleba

Broadcast Yourself! Der YouTube-Slogan ist programmatisch für das neue Gesicht des Internets, das Web 2.0. An der Universität Bamberg wird dem neuen Netz auf den Zahn gefühlt und gezeigt, wie millionenfaches Sich-selbst-auf-Sendung-Bringen bisherige Öffentlichkeitskonzepte auf den Kopf stellt.

Bamberg - Krzysztof Kononowicz ist ein übergewichtiger Mann und trägt einen Pullover, der selbst in den 80er Jahren als modischer Fauxpas gewertet worden wäre. Er blickt völlig überfordert in die Kamera und stottert hilflos seine Wahlversprechen herunter: "Autofahrer bestrafen für Trinken, Rauchen und - für alles". Weltweit amüsiert sich ein breites Publikum via YouTube über den verstörten Kandidaten der Rechtsradikalen für das Bürgermeisteramt in Bialystok, einer Stadt im äußersten Nordosten Polens. Nur ein schlechter Scherz?

Bedauerlicherweise nicht. Das vom polnischen Fernsehen boykottierte Komitee "Podlachia für das 21. Jahrhundert", für das Kononowicz kandidierte, erreichte mit dem schrulligen Auftritt eine enorme Aufmerksamkeit. Nach dem Prinzip der Gegenöffentlichkeit nutzten die Nationalisten die "uneingeschränkte Demokratie des Internets" und erreichten mittels Trash-Propaganda ein Millionenpublikum und Kultstatus.

"Die neuartigen Möglichkeiten, die Web 2.0 bietet, sorgen für eine Überlappung der Öffentlichkeiten", erklärt Jan Schmidt, Mitarbeiter der Forschungsstelle für neue Kommunikationsmedien an der Universität Bamberg. Es lasse sich ein wechselseitiges Agendasetting zwischen Massenmedien und den privaten Öffentlichkeiten im Netz beobachten.

Private Öffentlichkeiten auf StudiVZ, Podcast oder Flickr

Statt, wie im öffentlichen Diskurs oft heraufbeschworen, ein Ende des klassischen Journalismus zu prognostizieren, betont der Kommunikationswissenschaftler die gegenseitige Beeinflussung zwischen massenmedialer Öffentlichkeit und den sogenannten privaten Öffentlichkeiten auf Internetportalen wie StudiVZ, Podcast oder Flickr. Einerseits nutzen bereits viele Massenmedien die neuartigen Techniken, um zum Beispiel mittels Redaktionsblogs eine größere Nähe zum Leser zu schaffen.

Medienexperte Schmidt: "Überlappung der Öffentlichkeiten"
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Medienexperte Schmidt: "Überlappung der Öffentlichkeiten"

Andererseits greifen Blogger oft Themen aus den Medien auf und diskutieren diese mit einem kleineren Publikum. Blogger bieten außerdem Verbindungen zu klassischen Medien; so besitzen rund 12.000 deutsche Blogs Links zu SPIEGEL ONLINE. Journalisten wiederum greifen Themen aus der "Blogosphäre" auf, um diese massenmedial aufzubereiten. So sorgte der Kult um das skurrile polnische Wahlvideo für Medienrummel inner- und außerhalb des Landes.

Schmidt skizziert folgenden Mechanismus: Die Angebote von Web 2.0 werden von den Usern mit der Motivation des Identitäts- und Sozialmanagements genutzt. Mit dem Zweck der Selbstpräsentation und der Pflege beziehungsweise dem Knüpfen von Kontakten verlassen sie durch das Schreiben eines Blogs die Sphäre des Privaten und verleihen ihren Meinungen, Problemen und Statements zumindest potenziellen Öffentlichkeitscharakter.

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