03.08.2006
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Web 2.0

Der Verlust der Unschuld

Von Christian Stöcker

3. Teil: "Wir zahlen 1000 Dollar pro Monat"

"Wir zahlen 1000 Dollar pro Monat"

Calacanis ist seit kurzem der Chef der neuen Inkarnation von Netscape. Die versucht sich, im Schoße der Mutter AOL, auch am "social bookmarking" - Netscape hat sich eine Mechanik und sogar ein Design zugelegt, das ziemlich stark an Digg.com erinnert, die immens erfolgreiche Tech-Bookmarking-Seite. Digg ist innerhalb kürzester Zeit zu einer echten Macht im Netz geworden, Verweise, die es auf die Titelseite schaffen, lenken gewaltige Mengen Traffic um - oft in eher abgelegene Ecken des Internet. Ereignisse wie die Razzia in den Räumen der schwedischen Bittorrent-Seite The Pirate Bay erlangen über diesen Mechanismus in Windeseile globale Aufmerksamkeit.

Digg ist interessant, das generiert Zulauf - und an dem wird seit kurzem auch verdient. Drei Plätzchen für diskrete Google-Ads zieren den Kopf der Seite. Neue Kategorien wie "World News" und "Entertainment" sollen den technikverliebten Hardcore-Nutzern andere hinzufügen, Digg für den Mainstream öffnen.

Interessant ist Digg wegen seiner fleißigsten Nutzer - ein großer Teil der Topstories wird von einer kleinen Kerngruppe auf die Seite gehoben. Genau die möchte Jason Calacanis jetzt abwerben: "Ich habe ein Angebot für die 50 Topnutzer jeder großen social news/bookmarking Site: Wir zahlen euch 1000 Dollar im Monat", schrieb Calacanis in sein Blog. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Die schmutzigen Headhunter-Methoden der Old Economy sind im neuen Netz angekommen, die Unschuld ist dahin.

"Ein Zeichen von Verzweiflung"

"Jasons Post ist, mehr als alles andere, ein Zeichen von Verzweiflung", so "Techcrunch"-Blogger und Szeneguru Michael Arrington. Ein Kommentator in Calacanis' Blog schrieb über das neu erfundene Berufsbild des Profi-Bookmarkers: "Bezahlt sie, unbedingt. Aber macht es nicht so offensichtlich, dass ihr Nutzer bei Digg (und ähnlichen Seiten) stehlen wollt."

Der Kanadier Derek van Vliet, als "BloodJunkie" einer der begehrten Topnutzer von Digg, der dort bereits über 1700 Links empfohlen hat, kommentierte das Angebot mit "ich sehe mich nicht bei Digg abspringen".

Ein Anderer dagegegen, ebenfalls mit über 1000 empfohlenen Geschichten, bietet sein Digg-Nutzerprofil inzwischen bei Ebay Chart zeigen zum Verkauf an - ob im Ernst oder als satirischer Kommentar ist schwer herauszufinden. Das aktuelle Gebot für das Profil "Geekforlife" liegt jedenfalls bei über 700 Dollar.

Es sieht so aus, als ob die Idee des Geldverdienens im sozialen Netz nicht allen zuwider ist. Spannend wird, was übrig bleibt, wenn die Profis damit fertig sind.

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